Die Arab. Episkopal School, Teil 1

Eine Schule für blinde, sehbehinderte und sehende Kinder aller Glaubensrichtungen in Irbid, Jordanien

Auf dem Bild ist die Arab. Episkopal School zu sehen. Das ist eine Schule, welche blinde, sehbehinderte und normal sehende Jungen und Mädchen aller Glaubensrichtungen unterrichtet. Sie liegt in Irbid, der zweitgrößten Stadt Jordaniens. Gegründet wurde sie 2003. Das Motto der Schule heißt nicht den Fokus auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten lenken.

Zunächst einmal möchte ich einige Zahlen und Fakten über Jordanien nennen. Diese sind wichtig, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Jordanien ist etwa 3mal so groß wie Baden Württemberg und hat 9,7 Millionen Einwohner. Irbid ist etwa 90 km nördlich von der Hauptstadt Amman entfernt, und die zweitgrößte Stadt Jordaniens. Hier leben etwa 1,7 Millionen Einwohner und 359.000 syrische Flüchtlinge. Die Gegend um Irbid ist sehr ländlich und die Entfernungen zwischen den mehr als 70 umliegenden Dörfern weit.

In Amman, befindet sich die einzige Staatliche Blindenschule für ganz Jordanien. Hier gehen blinde und sehbehinderte Kinder im Alter von sechs Jahren auf ein Internat. Einen Kindergarten oder andere frühkindliche Einrichtung gibt es nicht. Für die Kinder bedeutet dies, dass sie erst im Alter von sechs Jahren die erste blindengerechte Förderung erfahren dürfen. Viele Familien halten behinderte Kinder im Verborgenen, da diese gesellschaftlich nicht anerkannt werden. Da die Schulpflicht in Jordanien lediglich 6 Jahre beträgt, braucht es eine Menge an Eigeninitiative der Familien, um blinden Kindern den Zugang zu Weiterbildung zu ermöglichen.
Pfarrer Samir Esaid von der anglikanischen Kirche verfolgte eine andere Idee. Er wollte, dass Kinder mit einer Sehbehinderung vom Kindergartenalter an eine Förderung bekommen. Und das sie gemeinsam aufwachsen, lernen und leben kann. Und zwar ohne von ihren Familien getrennt zu werden. Also wurde zunächst einmal ein integrativer Kindergarten ins Leben gerufen. Für die meisten blinden und sehbehinderten Kindern war dies die erste Gelegenheit außerhalb ihrer Familie zu sein und sich Kindgerecht zu entwickeln.

Neben der frühkindlichen Förderung wurde den blinden Kindern auch die Brailleschrift vermittelt. Diese sollte die Kinder in die Lage versetzen gemeinsam mit normal sehenden Kindern dem Unterricht in der Schule zu folgen. Zu den Aufnahmebedingungen der Schule gehört auch, dass ein Familienmitglied ebenfalls die Brailleschrift erlernen muss, um das Kind später in der Schule bei Hausaufgaben zu unterstützen.

Angedacht war, dass die Kinder nach dem Kindergarten auf umliegende Schulen verteilt und inklusiv beschult würden. Nur fand sich keine Schule, die auch die blinden Kinder unterrichten wollte. Daher ging man den umgekehrten Weg. Es wurde eine Schule für blinde Kinder gegründet und für sehende Kinder geöffnet. Bisher ein einzigartiges Konzept in diesem Land. Jedes Jahr kam eine weitere Klasse dazu.

Die meisten blinden oder sehbehinderten Kinder stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Daher ist für sie der Schulbesuch kostenlos. Der Unterricht findet auf Privatschulnivo statt, um den Schulbesuch für normal sehende Kinder attraktiver zu machen. Der Rest finanziert sich durch Spenden aus verschiedenen Quellen, unter anderem auch aus Deutschland.

Inzwischen besuchen 256 Kinder die Schule, davon 40 blinde und sehbehinderte. Von 40 Lehrkräften sind 5 blind oder sehbehindert. Außerdem beschäftigt die Schule hauseigene Busfahrer, die die Schüler aus umliegenden Dörfern zur Schule und wieder nach Hause bringen. Weiter wird die Schule durch Volontäre aus Deutschland und Kanada unterstützt.

Ich hörte 2013 zum ersten Mal von dieser Einrichtung. Eine Schulfreundin schickte mir einen Zeitungsartikel zu, in welchem ausführlich darüber berichtet wurde. Kurz darauf erfuhr ich, dass es in den Räumen der Blindenselbsthilfe einen Jordanischen Abend mit arabischem Essen usw. geben würde. Hier wurde der Schulgründer als Referent erwartet. Das machte mich sehr neugierig. Und ich hatte eine ganze Reihe Fragen, die ich ihm stellen wollte.

Und so lernte ich Pfarrer Samir Esaid und seinen Begleiter Diakon Gunter Hell kennen. Es war ein mitreißender Vortrag. Dieser weckte wiederholt den Wunsch in mir bei diesem Projekt aktiv mitzuwirken.

Selbst als blindes Kind arabischer Eltern konnte ich die ‚Situation blinder und sehbehinderter Kinder im ländlichen Irbid nachvollziehen. Nur hatte ich das Glück Eltern zu haben, die mir den Zugang zu Bildung geebnet haben. Sie sind mit mir nach Deutschland gezogen, haben mich mein Abitur machen lassen. Und sie haben sich zu keiner Zeit für meine Behinderung geschämt. Kurz, ich führe ein selbstbestimmtes Leben. Und jetzt hatte ich den Wunsch etwas davon weiterzugeben. Ich wollte dazu beitragen, dass andere blinde und sehbehinderte Kinder, die nicht so viel Glück hatten, mehr Hilfe erhielten.

Die folgenden Tage nutzte ich zur Recherche über die Schule und deren Mitarbeiter und Projekte. All das faszinierte mich so sehr, dass ich nun endgültig beschloss aktiv mitzuarbeiten. Ich traf mich später mit Diakon Gunter Hell und informierte mich darüber was am nötigsten gebraucht wurde. Dabei erfuhr ich, dass den Schülern oft elementare Dinge fehlten, wie eine Punktschriftmaschine. Das ist eine Schreibmaschine für Brailleschrift, bei der man alle Punkte zeitgleich betätigen kann. Sie schrieben oft noch mit Schreibtafeln, bei denen man mit einem spitzen Griffel jeden Punkt einzeln einstechen musste. Die Schule wünschte sich u. a. für jedes Kind ab der dritten Klasse eine eigene Schreibmaschine. Ähnlich stand es mit anderen Hilfsmitteln.

Ich wusste, dass viele ‚Blinde in Deutschland das ein oder andere Hilfsmittel nicht mehr brauchten, oder gegen ein anderes, moderneres austauschten. Also suchte ich gezielt auf einschlägigen Internetseiten nach diesen Hilfsmitteln, die zu kleinen Preisen zum Verkauf angeboten wurden. Manchmal schaltete ich selbst Anzeigen und startete Spendenaufrufe.

Auf diese Weise kamen drei oder vier Punktschriftmaschinen zusammen, die ich 2014 nach Jordanien transportieren konnte. Das war für mich das Highlight nebst einiger Lupen und anderen Hilfsmitteln für den Alltag. Bei der Auswahl der Geräte achtete ich darauf, dass es Dinge waren, die robust oder leicht zu reparieren waren. Denn was nützt einem ein teures Hilfsmittel, welches irgendwann teuer gewartet werden muss?

2015 verließen die ersten Zehntklässler die Arab. Episkopal school. Angedacht war, dass die blinden und sehbehinderten Schüler auf eine weiterführende Schule ihr Abitur machen können, während andere, die das nicht machen wollen oder können, eine Ausbildung erhielten. Es geht darum diesen jungen Menschen zu ermöglichen einen Beruf zu ergreifen und zum Unterhalt der Familie beizutragen. Bis jetzt konnte dieses Vorhaben aus Kostengründen noch nicht umgesetzt werden. Wir hoffen, dass dies in nächster Zeit ermöglicht werden kann. Denn die Alternative heißt zuhause bleiben und finanziell von der Familie abhängig zu sein. Und das ein Leben lang.

Ich werde in meinem Blog weiter über dieses Projekt berichten. Für diejenigen, die aktiv helfen möchten. Schreiben Sie mich an, oder schauen Sie auf der Homepage nach. http://www.aeschool.org

Dort können Sie sich auch direkt an den Schulgründer wenden, der sehr gut deutsch spricht.

Nicht ohne meinen Stock

Auf dem ersten Bild bin ich mit meinem weißen Langstock zu sehen. Es zeigt die Haltung beim Laufen. ‚Während der Stock nach links pendelt, geht der rechte Fuß nach vorne. Stößt der Stock auf kein Hindernis, pendele ich damit nach rechts, und ziehe den linken Fuß nach. Dabei bleibt die Hand in der Körpermitte. Der Stock hat eine Rollspitze. Damit lässt sich der Boden besser abtasten und ich muss ihn beim Pendeln nicht mehr anheben. Er gleitet sozusagen über den Boden. Der Stock sichert meinen nächsten Schritt ab. Wenn ich also kein Hindernis ertasten kann, kann ich gefahrlos meinen Fuß dorthin setzen wo vorher der Stock war. Die Pendelbewegung verläuft in Schulterbreite. Mehr muss ich ja nicht absichern. Und je schneller ich laufe, desto schneller muss ich mit dem Stock pendeln.

Auf diese Weise lassen sich auch Bodenunebenheiten oder Treppen ausmachen. Ich nehme die Treppenstufen oft erst dann wahr, wenn sie unmittelbar vor mir sind. Für einen normalsehenden sieht das so aus, als würde ich gleich hinfallen. Aber so ist es nicht.

Auf dem nächsten Foto sieht man mich beim Treppensteigen. Beim Hochlaufen halte ich den Stock hochkant. Und zwar so, dass er gegen die nächste Stufe schlägt. So kann ich fühlen und auch hören, ob noch eine weitere Stufe kommt. Pendelt der Stock ins Freie, dann war das die letzte Stufe.

Ein weiteres Foto Zeit mich beim Abwärtslaufen. Auch hier halte ich den Stock etwas hochkant. Und zwar so, dass die Stockspitze etwa eine Stufe tiefer ist als ich. Setzt sie auf, so weiß ich, dass jetzt keine weitere Stufe kommt.
Damit das zuverlässig funktioniert, braucht es eine lange Übungszeit. Es reicht nicht aus einem Blinden einen Stock in die Hand zu drücken und fertig.
Der weiße Langstock, oder auch Blindenstock, ist das internationale Kennzeichen für Blindheit. Ohne diesen Stock gehe ich nicht auf die Straße. Auch wenn ich mit einer sehenden Begleitung unterwegs bin, habe ich einen Stock dabei. Denn er garantiert mir ein bisschen Unabhängigkeit. Und diese ist für mich sehr wichtig. Denn ws ist, wenn ich mal von meiner Begleitung getrennt werde? ‚Was, wenn wir spontan entscheiden unterschiedliche Wege zu gehen?

Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Blindenstock in die Hand bekam. Ein Mobilitätstrainer wies mich in den Umgang damit ein. Für mich war das ein absolut komisches Gefühl. Immerhin handelte es sich um einen Einteiler mit 125 cm Länge. Also nichts, was man mal eben zusammenklappen und in die Handtasche stecken konnte. Daher war es für mich absolut unvorstellbar mit dem Teil unterwegs zu sein. Und für mich bestand ja auch keine Notwendigkeit. In den Bereichen, in denen ich mich bewegte, kannte ich mich aus. Da musste ich mir keine Wege ertasten.

Klar, unsere Betreuer erklärten uns, dass wir uns aus versicherungsrechtlichen Gründen kennzeichnen müssten. Aber mitten in der Pubertät interessierte mich das überhaupt nicht. Das änderte sich erst, als ich einen Stock bekam, der aus vier Teilen bestand. Den konnte ich also auch mal zusammenklappen, wenn ich ihn nicht mehr brauchte. Inzwischen war ich 15 und zog in eine Wohngruppe um, die sich mitten in der Stadt befand. Also begann ich den Stock zumindest mal mitzunehmen. Das war aber auch schon das höchste an Zugeständnissen. Denn noch immer bewegte ich mich meist auf Wegen, die mir vertraut waren. Und wenn ich in den Ferien bei meiner Familie war, brauchte ich den Stock auch nicht. Da war ich nur selten allein draußen.

Das ganze änderte sich langsam, als ich mal wieder ein Training bekam. Diesmal hatte ich einen erfahrenen Trainer an meiner Seite, der mir zeigte wie ich meinen Sehrest und den Einsatz des Blindenstocks für mich optimal miteinander kombinieren konnte. Und ab da begann ich den Stock auch einzusetzen. Und nachdem ich erst mal eingesehen hatte, dass ich sogar Vorteile dadurch hatte, begann ich den Stock immer mehr einzusetzen, und nur dann wegzupacken, wenn ich mich auf dem Schulgelände oder in absolut vertrauter Umgebung befand. ‚Es dauerte recht lang. Aber irgendwann wurde der Stock mein ständiger Begleiter.

Heute ist es so, dass ich draußen die grobe Orientierung mit dem Sehen mache, die Feinheiten aber mit dem Stock ertaste. Denn ich kann nicht sehen wie der Boden aussieht. Auch Ampelpfosten oder Laternenpfähle sehe ich nur manchmal. Und Ampelpfosten küsst man nicht. Das tut bekanntlich weh.

Es gibt wenige Dinge, die meinem Stock entgehen. Das sind zum einen herabhängende Äste. Die nehme ich erst dann wahr, wenn ich dagegen gelaufen bin. Besonders unangenehm ist dies bei Regenwetter. Ein weiteres Ärgernis sind Hindernisse wie offene Ladeflächen von LKWs oder Schranken, die höher sind als der Bereich über meiner Hand.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgendes loswerden. Es kommt immer wieder vor, dass hilfsbereite Menschen einem beim Einsteigen oder beim Verlassen von Bus und Bahn helfen wollen. Menschen, die erst zugreifen, einen irgendwohin schieben oder aus dem Bus ziehen wollen. Oder noch besser den Blinden am Stock irgendwohin ziehen wollen. Das ist ein absolutes Nogo. Es schadet mehr als das es hilft. Fragt lieber nach ob und wie Ihr helfen könnt. Dann ist es auch wirklich hilfreich. Alles andere kann für den Blinden sogar gefährlich werden. Zum einen weil er sich erschreckt, und zum anderen weil man irgendwas falsch macht. Redet mit uns. Wir sind die Experten und können Euch helfen uns wirklich wirksam zu helfen.

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Blind am Computer, Teil 1

Auf dem Foto ist ein handelsübliches Notebook zu sehen. Das einzige Merkmal welches mein Gerät von anderen unterscheidet ist die Braillezeile unterhalb des Rechners. Das ist ein Ausgabegerät, welches mir den Text auf dem Bildschirm in Braille ausgibt. Eine Maus sucht man an meinem Arbeitsplatz vergebens. Auch das Touchpad, welches sich an meinem Notebook befindet, stört mich nur. Daher habe ich es einfach abgeschaltet. Ich bediene meinen Computer ausschließlich über die Tastatur. Eine Maus kommt nur dann kurzfristig zum Einsatz, wenn mal ein Nichtblinder an diesem Arbeitsplatz sitzt.

Damit das möglich ist, läuft eine Software im Hintergrund, die ständig nach Textelementen auf dem Bildschirm sucht und mir diese in Sprache umwandelt. Das nennt man Screen Reader. Die Sprache kann ich nach meinen Bedürfnissen anpassen, also Stimme, Geschwindigkeit, Betonung, und so weiter. Das ist so wie das Schriftbild auf dem Bildschirm, welches sich ein Sehender so einstellt, dass das Arbeiten angenehm ist.

Ich werde oft gefragt wie ich das mit dem Schreiben mache. Denn ich kann die Tasten schließlich nicht sehen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen ist, ob es sich um eine spezielle Blindentastatur handelt. Nein, tut es nicht. Diese gibt es. Aber ich brauche sie nicht. Jede gelernte Schreibkraft schreibt blind. Denn ab einer bestimmten Schreibgeschwindigkeit kann das Auge den Fingerbewegungen nicht mehr folgen. Hinsehen würde also die Fehlerquote erhöhen. Zu meiner Schulzeit hatte ich ab dem 5. Schuljahr Maschinenschreiben als Pflichtfach. Und ab der 7. Klasse gehörte eine mechanische Schreibmaschine nebst einer Schreibmaschine für Braille zu meiner Grundausstattung für die Schule. Auf dieser Maschine mussten ab dem 9. Schuljahr sämtliche ‚Arbeiten getippt werden. Die Ausnahmen bildeten die Naturwissenschaften. Der Grundgedanke war, dass blinde in der Lage sein mussten auch mit normal sehenden schriftlich zu kommunizieren, ohne dass diese die Brailleschrift beherrschten. Dementsprechend wurden auch Tippfehler in Arbeiten negativ gewertet. Spätestens jetzt strengte man sich in diesem Fach etwas mehr an. (-:

In der Schule gab es auch einen Raum, der mit elektrischen Schreibmaschinen ausgestattet war. Auch an diesen wurden wir unterrichtet. Ich kam damit lange nicht zurecht, da der Anschlag doch ein ganz anderer ist als auf der mechanischen Schreibmaschine. An einem P’C habe ich zum ersten Mal geschrieben, nachdem ich mein Abitur bereits hatte. Das erste was ich tat war den Anschlag auf hart einzustellen. 6 Jahre auf der mechanischen Schreibmaschine hinterlassen schließlich ihre Spuren.

Eines der ersten Dinge, die ich zu schätzen gelernt habe war die Braillezeile, die das Korrekturlesen wesentlich erleichterte, und die Möglichkeit sich den getippten Text nochmal per Sprache ausgeben zu lassen. Durch die schnellere Sprechgeschwindigkeit kann ich mir auch während des Schreibens ansagen lassen was ich geschrieben habe und sofort korrigieren, wenn ich das für nötig halte.
Heute möchte ich meinen Computer auf keinen Fall mehr missen. Er verleiht mir eine Unabhängigkeit, die für mich sehr wichtig ist. Ich schreibe meinen Text, Brief oder was auch immer dann wenn ich es möchte, und nicht wenn jemand da ist, der das für mich tun könnte. Ein handelsüblicher Drucker sorgt dafür, dass ich eben diesen Brief ausdrucken kann. Geht es darum einen Briefumschlag zu adressieren, so habe ich einen kleinen Etikettendrucker. Die Adresse schreibe ich über den Computer, Drucke sie aus und kann den Briefumschlag direkt damit bekleben.

Ein weiterer Schritt in die Unabhängigkeit kam für mich 2003, als ich meine erste E-Mail-Adresse einrichtete. Jetzt konnte ich schriftliche Dinge direkt über den PC verschicken, ohne diese vorher umständlich ausdrucken, adressieren und wegbringen zu müssen. Eine wesentliche Erleichterung ist es für mich, wenn man mir Informationen per E-Mail schickt. Diese werden direkt von meinem Computer vorgelesen und können daher schneller bearbeitet werden.

Wie viele Menschen auf dieser Welt meide ich den Papierkrieg so gut es eben geht. Aber nur ein Teil meiner Phobie kann ich mit Faulheit begründen. Papier ist geduldig. Es hat auch damit zu tun, dass es für mich mit Zeitaufwand verbunden ist mir den Inhalt eines Schreibens zugänglich zu machen.

Während ein normalsehender Leser einfach mal den Brief aufmacht und draufschaut, muss ich technische Hilfsmittel einsetzen, um mir das entsprechende Schreiben zugänglich zu machen. Der ein oder Andere hat vielleicht schon mal davon gehört, dass es Vorlesesysteme für Blinde gibt. So etwas Ähnliches nutze ich auch. Das Blatt wird auf einen Scanner gelegt und fotografiert. Dieses Bild wird an den Computer übertragen und an eine OCR-Software geschickt. Dieses Programm macht aus dem Bild wieder Text, der vom Screen Reader vorgelesen werden kann. Je besser der Ausdruck des Briefes, desto weniger Fehler macht die Texterkennung. Und um mir einen Brief zugänglich zu machen, brauche ich ein Vielfaches an Zeit als ein normalsehender Briefempfänger.

Bei handschriftlichen Eintragungen funktioniert das leider nicht. Denn das lässt sich bisher noch nicht in vordefinierte Raster einordnen. Wenn meine Krankenversicherung schreibt, bekomme ich manchmal Formulare mit Feldern, die teilweise angekreuzt wurden. Ich bekomme von der Texterkennung die Namen der Formularfelder vorgelesen, jedoch nicht den Inhalt. Barrierefrei ist etwas anderes. Hier bin ich auf die Hilfe einer sehenden Vorlesekraft angewiesen.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Alltag sind die schriftlichen Mitteilungen aus der Grundschule. Die Lehrkraft schreibt sie von Hand in das Heft, und die Eltern sollen diese abzeichnen. Das hat beides bei mir nicht funktioniert. Nach drei Jahren habe ich es aufgegeben die Lehrkraft um Mitteilungen per Mail oder telefonisch zu bitten. Zwei Mütter aus der Klasse meiner Tochter haben mich dann mit den relevanten Informationen per E-Mail versorgt. In der weiterführenden Schule hingegen gab es diese handschriftlichen Mitteilungen nicht mehr. Dafür hatte ich von einigen Lehrern den Luxus von Informationen per E-Mail. Und das bedeutet für mich Unabhängigkeit und damit auch mehr Lebensqualität.

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Computern, die man mitnehmen kann. Denn ich möchte nicht nur an meinem Schreibtisch arbeiten können, sondern gerade wo ich bin. Ich möchte die Wahl haben im Urlaub, im Zug oder auf einem Seminar meinen Computer zur Verfügung zu haben. Und so habe ich meinen Arbeitsplatz so konzipiert, dass ich die wesentlichen Komponenten, also Notebook und Braillezeile, transportbereit habe. Alles andere steckt in einer Doggingstation.

Ampel Pfosten küsst man nicht

Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Die sehe ich auf dem linken Auge, während ich rechts nur noch Lichtschein und wirklich große Umrisse wahrnehmen kann.

Auf der Straße orientiere ich mich mit Hilfe meines Blindenlangstocks. Damit sichere ich meinen nächsten Schritt ab. Die grobe Orientierung erfolgt über meinen Sehrest. Ich habe ein eingeschränktes Gesichtsfeld. D. h., dass ich beim Sehen den Kopf drehen muss, wenn ich Gegenstände oder Hindernisse erkennen möchte, die nicht direkt vor mir liegen. Und auch das ist von der jeweiligen Beleuchtung abhängig. Ich bin stark lichtempfindlich. Normales Tageslicht ist für mich schon zu hell. Deshalb trage ich draußen eine starke Sonnenbrille. Sie hat keine Stärke. Ihre einzige Aufgabe ist es bestimmte Lichtwellen auszufiltern, damit ich die Augen ein bisschen benutzen kann.
Ich bin zügig unterwegs. Zugegeben, ich laufe etwas schneller als üblich, da ich es heute besonders eilig habe. Mit dem Blindenlangstock ertaste ich mir beim Laufen durch Pendeln meinen nächsten Schritt. Zwischen der stark befahrenen Straße an meiner linken Seite und dem Gehweg verläuft noch ein Fahrradweg. Also eine viel zu hohe Geräuschkulisse für mich, um evtl. Hindernisse auch akustisch wahrzunehmen. Und ein Stück laufe ich auch noch gegen die Sonne. Kurz, ich empfinde solche Wegstrecken als ziemlich anstrengend und konzentrationsintensiv.

Und wie jeder andere habe auch ich mal einen etwas schlechten Tag. Auf einmal macht es Klong, und mein Lauf wird abrupt gestoppt. Ich sehe erst mal Sternchen und realisiere langsam, dass ich gegen einen Laternenpfahl oder Ampelpfosten gelaufen bin. Also im wahrsten Sinn des Wortes dumm gelaufen. Es tut höllisch weh, und ich habe Mühe mich zu sortieren. Gleichzeitig aber weiß ich auch, dass ich mir nicht allzu viel Zeit damit lassen darf. Denn ich ahne es bereits.

Und da kommt sie schon, die gefürchtete Stimme aus dem Hintergrund. Weiblich, mitleidvoll und tadelnd. „Haben Sie sich wehgetan“? Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern setzt noch einen drauf. „Sie müssen doch aufpassen, wenn Sie laufen“.
Ich glaube, die meint das ernst. Und ganz gleich was ich antworten werde, ich werde sie nicht erreichen. „Mensch, Frau“, denke ich mir, „Kannst Du mich nicht erst mal meinen ‚Schmerz auskosten lassen?“
Jeder, der irgendwann einmal gegen einen Pfosten, eine Wand oder eine halb offene Tür gelaufen ist wird mir Recht geben. So was tut weh. Das passiert nicht nur blinden. Das passiert auch einemnormalsehenden. Und so was passiert aus den unterschiedlichsten Gründen. Entweder hat man nicht richtig aufgepasst, nicht richtig hingesehen, und oder war einfach abgelenkt. Fakt ist jedoch, dass kein gesunder Mensch mit Absicht gegen schmerzhafte Hindernisse läuft.

Also bitte, liebe Leser. Wenn Ihr seht, dass jemand gegen etwas läuft, oder vielleicht auch gestolpert ist, fragt nicht nach ob er sich wehgetan hat. Das empfinde ich als eine der unsinnigsten Fragen in dieser Situation. Und auch die Ermahnung besser aufzupassen ist jetzt absolut fehl am Platz. Das hat derjenige inzwischen selbst schon lange erkannt, bevor Ihr den Mund aufmacht. Wenn Ihr etwas Sinnvolles sagen wollt, dann fragt einfach ob Ihr etwas für die Person tun könnt.

Das Motto heißt hier Hilfe anbieten und dem anderen die Entscheidung überlassen, ob er Euer Angebot annimmt oder nicht. Und fühlt Euch bitte nicht persönlich beleidigt, wenn Eure Hilfe abgelehnt wird. Denn Ihr habt es hier mit einem erwachsenen zu tun, der höchstwahrscheinlich in der Lage ist zu entscheiden was jetzt für den Moment das Beste für ihn ist.

Und noch etwas zum Schluss. Bitte geht einfach weiter. Das Schlimmste für mich ist, wenn die Person dann neben oder hinter mir herläuft und jeden meiner Schritte kommentiert. Mir gibt es das Gefühl akribisch beobachtet zu werden. Und das empfinde ich als stark verunsichernd. Auch wenn es nicht so beabsichtigt ist, gibt es mir das Gefühl, dass mein Beobachter nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache, um diesen wieder zu kommentieren, oder für den nächsten Kaffeeklatsch aufzupeppen. Für diejenigen, die gerne etwas zum Erzählen haben wollen sei gesagt: Denkt Euch doch Eure eigene Geschichte aus. Damit ist uns beiden geholfen.