Wie führt man einen Blinden?

Auf dem Bild sieht man mich mit dem Blindenstock in der rechten Hand. Meine Linke liegt auf dem Ellenbogen eines sehenden Mannes, der mit mir über die Straße läuft.  
Frankfurt Konstablerwache. Wer die dortige Station etwas besser kennt, weiß, dass es einen kleinen Spalt zwischen Tür und Bahnsteig gibt. Mit dem Blindenstock kann ich diesen mühelos erfühlen. Ich will gerade aus der SBahn aussteigen und strecke meinen Stock aus, um eben diesen Spalt zu ertasten. Ich habe es gefunden und mache einen Schritt nach draußen. Plötzlich fasst mich jemand am Arm und schiebt. Da ich den einen Fuß noch nicht aufgesetzt habe, gerate ich erst mal ins Schwanken. Ich verdanke es meinen Reflexen, dass ich nicht der Länge nach auf den Boden knalle oder der Fuß in den Spalt gerät. 
Der vermeintliche Helfer war vermutlich ebenso erschrocken wie ich. Erst recht, da ich meinen Unmut lautstark geäußert habe. Er hat gesehen, dass da eine Blinde aussteigen will und wollte helfen. Gedacht getan. Die Blinde am Arm gepackt und geschoben. Und dabei nicht überlegt, dass er mich in Gefahr gebracht hat. Und dann beschwert die sich auch noch. typisch Behinderte wieder. Die wollen eben keine Hilfe.  
Diese und ähnliche Äußerungen muss ich mir des Öfteren anhören. Tja, Wir hätten beide mehr davon gehabt, wenn er mich einfach gefragt hätte. 
Als Kind lief ich stets an der Hand eines Sehenden. Daher kannte ich es auch nicht anders. Die einzige Ausnahme war, dass ich mich am Kinderwagen meiner jüngeren Geschwister festhielt. Daher kam ich gar nicht auf die Idee, dass es wesentlich hilfreichere Techniken gibt sich von einer sehenden Begleitung führen zu lassen. Auch andere Erwachsene führten mich stets an der Hand. Daher nahm ich das absolut als gegeben hin. 

Das änderte sich, als ich im zarten Alter von 14 Jahren meinen ersten Mobilitätstrainer kennenlernte. Bevor er mir den Umgang mit dem Blindenstock vermittelte, machten wir auch andere Übungen zur Orientierung. Dabei zeigte er mir auch wie ein normal Sehender einen Blinden ohne viel Einarbeitung führen kann. 
Der Sehende läuft etwa einen halben Schritt voraus, während der Blinde seine Hand auf den Ellenbogen des Sehenden legt. Liegt die Hand des Blinden zwischen Ellenbogen und Körper des Sehenden, kann er sämtliche Bewegungen spüren und sofort reagieren. Mit diesem Griff kann man auch in schnellem Tempo miteinander laufen. Dabei braucht der Sehende seinen Arm nicht zu verspannen oder eng an den Körper gedrückt zu halten. Denn der Blinde wird sich daran festhalten. Schließlich hat er ein Interesse daran geführt zu werden. 
Der Sehende kann den Blinden buchstäblich mit seinem Arm steuern. Wird es eng, so bewegt er diesen etwas nach hinten und macht sich dabei selbst etwas schmal. Das spürt der Blinde und kann so hinter dem Sehenden laufen, ohne den Kontakt zum Arm zu verlassen. 
Auch bei Treppen funktioniert das. Der Blinde spürt an der Bewegung des Sehenden wie tief die Stufe geht und in welche Richtung. Viele Sehende bleiben vor jeder Stufe stehen. Das empfinde ich als nicht hilfreich. Solange der ‚Sehende in Bewegung ist, bekomme ich Informationen. Bleibt er aber stehen, so mache ich das ebenfalls so. Es ist okay, wenn der Sehende dem Blinden sagt, dass jetzt eine Treppe kommt. Gerade, wenn man zum ersten Mal miteinander läuft, macht es Sinn. Unsinnig ist es jedoch die Treppen aus weiter Entfernung anzusagen. Ein Schritt vorher reicht aus. 
Und bitte, bitte, bitte, sagt nicht jede einzelne Stufe an. Das nervt nur und ist absolut unnötig. Es sei denn der Blinde ist unsicher und fordert das explizit ein. 
Manche Blinden nehmen den Sehenden nicht am Arm, sondern legen einem die Hand auf die Schulter. Die Technik ist die Gleiche. Hier ist es wie bei Waschmaschinen. Der eine bevorzugt Frontlader, der andere Topplader. Und beide waschen gleichgut. 

Irrtümlich glauben viele Sehende, Blinde müsse man an die Hand nehmen. Wenn ich bei jemanden an der Hand laufe, dann nur wenn es unbedingt sein muss. Und dann nehme ich meinen Blindenstock zu Hilfe. Denn der verleiht mir dann mehr Sicherheit als die vermeintlich führende Hand. 
Was aber generell nicht geht ist, wenn jemand mich am Arm oder am Stock nimmt, um mich zu führen. So was passiert oft beim Aussteigen aus dem Bus oder beim Überqueren einer Straße. Werde ich gefragt, so habe ich Gelegenheit demjenigen zu zeigen wie ich gern geführt werden möchte. Wenn mich jedoch einer ungefragt anfasst, dann muss er auch damit rechnen, dass ich ihn als Gefahr einordne und mich dementsprechend verhalte. 
Was auf mich ziemlich komisch wirkt ist, wenn ein hilfsbereiter Mensch mich am Blindenstock packt und zieht. In einer solchen Situation habe ich den Stock auch schon mal losgelassen. Natürlich lag er dann am Boden. Ich habe dann zuckersüß gefragt, ob ich den bitte wiederhaben kann. Ich bin sicher, dass dieses Erlebnis eine nachhaltige Wirkung auf den Helfer gezeigt hat. Mehr vielleicht, als wenn ich ihm lang und breit erklärt hätte warum diese Aktion völlig unsinnig ist. 
Fragen helfen. Und das gilt auch im Umgang mit uns Menschen mit Behinderung. 
Zum Schluss noch eine nette Situation wie es auch gehen könnte. Ich laufe einen Bürgersteig entlang. Mit meinem Sehrest nehme ich noch irgendwie wahr, dass jemand ziemlich nah an der Hauswand geparkt hat, was eigentlich nicht sein darf. Der Fahrer ist dabei etwas auszuladen, als er mich bemerkt. Er sagt mir, dass sein Auto im Weg steht und bietet mir an mich daran vorbeizuführen. Dabei stellt er die entscheidende Frage: „Darf ich Ihren Arm nehmen“? Und so habe ich Gelegenheit ihm zu zeigen wie ich es lieber möchte. Über solche Menschen freue ich mich immer wieder. Vor allem, da sie mitdenken. 

Blind in der Küche, Teil 2

Auf dem Bild bin ich vor meinem Herd mit Ceranfeld zu sehen. Auf der linken hinteren Kochplatte steht eine Pfanne mit Kartoffeln. Davor ein Brett, auf dem ich mit einem Messer Gemüse Schneide. Rechts von mir ein Teller mit Fleisch. Darauf liegt ein Pfannenwänder.  

Kochen, backen, braten.

Über die Voraussetzungen in meiner Küche habe ich bereits geschrieben. Heute möchte ich auf die heißen Angelegenheiten eingehen. Denn auch blinde können kochen. Und dass nicht nur hin und wieder vor Wut.

Für diejenigen, die befürchten, dass ich mir regelmäßig die Finger an der heißen Herdplatte verbrenne. Ja, auch das ist mir schon mal passiert. Nämlich aus derselben Unachtsamkeit wie bei einem nicht blinden auch. Doch ist es nicht der Normalfall.

Ich arbeite mit einem handelsüblichen Elektroherd. Die einzige Besonderheit, auf die ich großen Wert lege, ist, dass er pro Herdplatte einen Drehregler hat, der bei den einzelnen Strichen auch fühlbar einrastet. Andernfalls hätte ich mir fühlbare Punkte an den Herd kleben müssen, um diese gezielt ansteuern zu können. Auch der Regler meines Backofens rastet ein. So kann ich schnell zwischen Heißluft, Oberhitze und oder Unterhitze wählen. Nur der Drehregler für die Temperatur rastet nicht ein. Ich habe mir von einer sehenden Hilfe erklären lassen wie die Regler stehen müssen, um eine bestimmte Temperatur einzustellen. Fühlbare Markierungen habe ich mir nicht anbringen lassen. Anfangs aus Faulheit. Und irgendwann habe ich für meinen Backofen ein Gefühl entwickelt. Und jetzt brauche ich keine Markierungen mehr.

Wichtig bei Haushaltsgeräten ist, dass sie entweder fühlbare Markierungen haben, oder Regler, die bei bestimmten Einstellungen fühlbar einrasten. Bei meiner Spülmaschine habe ich beispielsweise einen Ein- und Ausschalter. Wenn die Maschine an ist, so ist der Knopf reingedrückt. Und wenn er hervorsteht, dann ist sie aus. Für die Programme habe ich jeweils einen eigenen Knopf, so dass ich das entsprechende Programm direkt auswählen kann. Früher hatte ich eine Spülmaschine mit einem Drehregler für die einzelnen Programme. Das fand ich noch besser zu bedienen. Drehregler habe ich auch bei meiner Mikrowelle. Nämlich einen für die Zeiteinstellung, und einen für die Leistung. Damit bin ich zufrieden.

Ich liebe mein Zeranfeld. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht ist, wie ich es schaffe den ‚Topf oder die Pfanne genau auf die Kochplatte zu platzieren. Denn diese ist nicht fühlbar. Nun, das war für mich eine reine Übungssache. Anfangs habe ich die Hand um den Topf herumgeführt, um das anhand der Wärme zu kontrollieren. Inzwischen brauche ich das nicht mehr. Es geht buchstäblich im Blindflug.

Wenn ich Nudelwasser oder andere Flüssigkeiten erhitze, höre ich wie weit diese sind. Wenn Flüssigkeiten zu kochen beginnen, blubbern sie. Wie lange meine Nudeln, Kartoffeln oder Reis kochen stelle ich mittels einer Stoppuhr fest, oder koche auch mal nach Zeitgefühl. Bei Milch nutze ich gern einen Milchwächter. Sobald die Milch kocht, beginnt dieser im Topf zu klappern. Das hat für mich den Vorteil, dass ich nebenbei etwas anderes tun kann, anstatt neben der Milch zu wachen, damit sie mir nicht überkocht. Muss ich etwas einrühren, wie z. B. Puddingpulver, Grieß oder Mehl, dann kann ich mit dem Schneebesen oder Kochlöffel fühlen wie Flüssig oder dickflüssig mein Essen geworden ist.

Ähnlich mache ich es beim Braten in der Pfanne. Sowohl Butter oder Margarine, als auch Öl verursachen ein Geräusch, wenn sie heiß werden. Ich höre also sofort wann ich mein bratgut in die Pfanne geben muss. Außerdem riecht heißes Fett, so dass ich es auch kontrollieren kann, wenn ich nebenbei Musik höre. Handelt es sich um größeres Bratgut, wie Schnitzel oder Steak, kontrolliere ich über Geruch und Geräusch ob es gar ist. Auch mein Zeitgefühl und langjährige Erfahrung helfen mir sehr. Muss das Fleisch oder Gemüse gewendet werden, so nehme ich am liebsten einen möglichst breiten und flachen Pfannenwender. Und wenn ich mir unsicher bin, ob das Bratgut drauf bleibt, nehme ich auch mal einen oder zwei Finger zu Hilfe, um es auszubalancieren. Ich bin es gewohnt auch mal heiße Dinge anzufassen. Ich weiß wie man dies tut, ohne sich gleich zu verbrennen.

Seit ich Kinder habe, habe ich mich daran gewöhnt hauptsächlich auf den hinteren Platten zu kochen. Und im Endeffekt empfinde ich es als bequemer. Im vorderen Bereich habe ich dann meine Arbeits- oder Abstellfläche. So kann ich etwas zerkleinern und direkt in die Pfanne oder den Topf geben ohne versehendlich auf den Boden zu kleckern. Denn so etwas wie den Boden wischen ist für mich zeitaufwändiger als für jemand sehendes. Und auch aus Gründen der Sauberkeit gieße ich Nudeln oder Kartoffeln über dem Spülbecken ab.

Kommen wir zum Backofen. Hier mache ich es nicht anders als normal sehende. Auflaufform oder Backform rein, fertig. Gut, ich sehe nicht wie weit mein Kuchen ist. Dafür weiß ich wie es riechen muss. Ansonsten gibt es noch den Trick mit der Gabel, die man hinein sticht. Bleibt noch etwas Teig daran hängen, so bleibt auch der Kuchen noch ein bisschen im Backofen. Ich nutze das gern als Endkontrolle. Den Rest machen meine Erfahrung und mein Zeitgefühl für mich. Ich stelle mir selten eine Stoppuhr. Das mache ich nur, wenn ich weiß, dass ich etwas außerhalb der Küche mache, während mein Kuchen backt. Bevor ich die form aus dem Backofen nehme, sorge ich dafür, dass Platz auf meinem Zeranfeld ist. Ich bevorzuge Backformen aus Silikon. Wenn ich den Kuchen später daraus stürze, kann ich durch die Form erfühlen wie weit sich der ‚Teig daraus gelöst hat.

Es gibt blinde, die so gut wie gar nichts in der Küche machen, und andere, die wesentlich mehr können als ich. Und hier bin ich der festen Überzeugung, dass das bei Nichtblinden genauso ist. Nur dass ein Sehender sich hauptsächlich auf die Optik verlässt, während ich meine anderen Sinne einsetze, um dasselbe Ergebnis zu erzielen.

Ich bin sicher, dass bei dem einen oder anderen weitere fragen zu dieser Thematik aufgekommen sind. Nur zu, wenn Ihr diese stellen mögt. Ich werde diese gern in meinen nächsten Beiträgen beantworten.

Ich schreibe auf was du nicht hörst

Das Bild zeigt einen blinden Mann mit tragbarem Computer, externer Tastatur und Braillezeile. Dieser hat ein Headset im Ohr. 
Unter dem Motto „Blinde helfen Gehörlosen“ nahm ich 2014 an einer Informationsveranstaltung zur Fortbildung zum Schriftdolmetscher teil. ‚Uns Interessenten wurde einiges zu diesem vergleichsweise neuen Berufsbild erklärt. Zum Abschluss wurde ein Eignungstest angeboten. Geprüft wurde die Vorlesegeschwindigkeit, die Schreibgeschwindigkeit auf dem Computer und einige andere Kleinigkeiten, die für dieses Berufsbild wichtig sind.

Auch wenn ich die Voraussetzungen für die Teilnahme erfüllen konnte, habe ich mich für einen anderen Weg entschieden. Dennoch habe ich diesen Ausbildungsgang im Auge behalten und spreche jetzt mit Stefan Müller. Er hat diese Weiterbildung absolviert und arbeitet jetzt als Schriftdolmetscher. 
Lydia Zoubek: Stefan, wie bist du zum schriftdolmetschen gekommen? 
Stefan Müller: Das war vor 2 Jahren. Da die Firma, in der ich zum Schluss gearbeitet hatte, Pleite gegangen war, musste ich mich beruflich umorientieren. Ich komme ursprünglich aus der Geisteswissenschaft und bin von dort aus in die Softwareentwicklung gerutscht. Während der Arbeitssuche erhielt ich eine Information zum Berufsbild Schriftdolmetscher. Die Beschreibung des Berufsbildes hat mich angesprochen, so dass ich im Dezember 2014 an einer Infoveranstaltung teilnahm. Da ich Lust hatte, mich beruflich zu verändern, habe ich dann die Fortbildung zum Schriftdolmetscher absolviert.
Lydia Zoubek: was ist ein Schriftdolmetscher, und was macht er? 

Stefan Müller: Schriftdolmetscher helfen schwerhörigen und ertaubten Menschen bei der Kommunikation im Alltag, etwa in Ausbildung und Studium, bei Arztbesuchen, bei Gericht und Veranstaltungen jeder Art. Sie übersetzen zum Beispiel auch Debatten in Parlamenten.
Lydia Zoubek: Wie funktioniert das genau?
Stefan Müller: Schriftdolmetscher übersetzen lautsprachliche Inhalte wortwörtlich oder zusammengefasst in Echtzeit in Schriftsprache. Damit können die Kunden Live mitverfolgen, was gesprochen wird. 

Lydia Zoubek: Wie sieht die Arbeit eines Schriftdolmetschers aus?
Stefan Müller: Ich arbeite überwiegend online d.h. von Zuhause aus. Über eine sogenannte Konferenzsoftware bin ich zum Beispiel im Schulunterricht oder im Studium bei einer Vorlesung eines Kunden direkt Live zugeschaltet. Über eine Mikrofonanlage wird der Ton übertragen, sodass ich hören kann, was etwa der Lehrer, der Dozent oder auch die teilnehmenden sprechen. Dieses übersetze ich dann entweder 1 zu 1 oder zusammengefasst. Den Text kann der Kunde zeitgleich entweder über seinen Laptop oder ein Smartphone lesen. Damit weiß der Kunde, was gesprochen wird. Zunehmend werde ich auch zu vor-Ort-einsetzen gerufen. Hier schaut der Kunde einfach auf den Bildschirm meines Laptops. Bei Veranstaltungen wird der Text per Beamer übertragen.
Lydia Zoubek: Bei deiner Arbeit stell ich mir vor, dass du mitschreibst. Da muss man doch ziemlich schnell sein, um alles festhalten zu können?
Stefan Müller: Das ist richtig. Im Prinzip gibt es 2 Dolmetschmethoden. Die konventionelle Methode d.h. ich schreibe mittels einer herkömmlichen Computertastatur mit oder über eine Spracherkennungssoftware. Um aber mit einer herkömmlichen Computertastatur mithalten zu können, muss man mindestens 450 Anschläge pro Minute schaffen. Für die konventionelle Methode gibt es aber auch verschiedene Stenografien, die man erlernen kann. Ich habe mich für die Spracherkennung entschieden, weil ich festgestellt habe, dass ich schneller sprechen als schreiben kann.
Lydia Zoubek: Stört das die anwesenden Teilnehmer oder Kollegen nicht, wenn du vor Ort dolmetschst? 
Stefan Müller: Nein, da kann ich beruhigen. Für Präsenzeinsätze gibt es eine spezielle Sprechmaske, auch Stenomaske genannt. Dabei handelt es sich um eine Gesichtsmaske mit einem hochempfindlichen Mikrofon. Diese Maske kann man sich auch als eine mobile Kabine vorstellen, die den Sprechschall nach außen abschirmt. Zuhause benutze ich ein herkömmliches Headset mit Mikrofon.

Und dann gibt es noch meinen. Alles rund um den Alltag einer blinden Mutter

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 5

Schriftliche Mitteilungen und Aushänge.
 
Es ist mal wieder Elternabend im Kindergarten. Nachdem die Vorstellungsrunde abgehakt ist, melde ich mich…

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Auf dem zweiten Bild ist Stefan Müller an seinem Arbeitsplatz mit aufgesetzter Sprechmaske zu sehen.

Lydia Zoubek: In welchen Bereichen kommst Du zum Einsatz?
Stefan Müller: Die Themengebiete sind vielfältig. Mal dolmetsche ich eine Vorlesung in Biologie, Pädagogik oder BWL oder einen Schulunterricht in Deutsch oder Geschichte. Dann bin ich bei einer Teamsitzung eines Mitarbeiters zugeschaltet oder vor Ort dabei. Demnächst habe ich einen Einsatz, bei dem es um das Thema Existenzgründung gehen wird.
Lydia Zoubek: Jedes Fachgebiet hat ja seine ganz speziellen Begriffe. Kennst du diese Begriffe alle?
Stefan Müller: Nein, natürlich nicht. Es kann passieren, dass der Spracherkenner nicht alle Begriffe kennt. Die fehlenden Begriffe, muss ich der Spracherkennungssoftware dann beibringen. Entweder bekomme ich von der Agentur das Material zur Vorbereitung zugeschickt oder ich muss die Fachbegriffe recherchieren.
Lydia Zoubek: Wenn man an Menschen mit einer Hörbehinderung denkt, dann stellt man sich die Kommunikation mittels Gebärdensprachdolmetscher vor. Warum braucht man dann noch Schriftdolmetscher? 
Stefan Müller: Schriftdolmetscher sind für hörgeschädigte Menschen, die die Gebärdensprache nicht oder nicht ausreichend beherrschen, eine wichtige Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Lydia Zoubek: Was unterscheidet Deine Arbeitsweise von der eines nichtblinden Berufskollegen?
Stefan Müller: Neben einem herkömmlichen Computer arbeite ich mit speziellen Hilfsmitteln, die den Bildschirminhalt sowohl über eine Sprachausgabe als auch über ein spezielles Display in Blindenschrift wiedergeben. Dieses Display wird auch Braillezeile genannt und befindet sich unterhalb der Tastatur.
Lydia Zoubek: In Kombination mit dem Berufsbild Schriftdolmetscher taucht hin und wieder der Begriff Transkribieren auf. Was versteht man darunter? 
Stefan Müller: Das Transkribieren von Text ist auch eine Form der Übersetzung. Im Gegensatz zum Dolmetschen, das in der Regel in Echtzeit läuft, wird beim Transkribieren der Text im Nachhinein übersetzt. Dieses Verfahren kommt immer dann zum Einsatz, wenn Mitschnitte von Veranstaltungen oder von Meetings für Protokolle nachträglich bearbeitet werden sollen. Wenn man mit der Spracherkennung geübt ist wie ich, erspart man sich dadurch eine Menge Schreibarbeit. Somit ist es möglich, sich rein auf das gesprochene Wort zu konzentrieren und während des Vorgangs Passagen etwa zusammenzufassen, zu kürzen oder wegzulassen.
Lydia Zoubek: Wie finanziert sich die Arbeit eines Schriftdolmetschers?
Stefan Müller: Schriftdolmetscher arbeiten in der Regel freiberuflich selbstständig oder über eine Agentur. Es gibt auch Fälle einer Festanstellung. Pro Stunde wird ein Honorarsatz vereinbart, der sich in der Regel nach den Kommunikationshilfeverordnungen der einzelnen Bundesländer richtet. So kann es passieren, dass man in Berlin weniger bezahlt bekommt als in Hessen. Wie viel man bekommt, hängt auch davon ab, ob man ein spezielles Zertifikat hat oder nicht. Dieses spezielle Zertifikat kann man zusätzlich zum Beispiel beim deutschen Schwerhörigenbund erwerben. Arbeitet man für eine oder mehrere Agenturen, wird von den Honoraren eine Vermittlungsprovision abgezogen. Wie viel Provision abgeht, hängt von der jeweiligen Agentur ab.
Lydia Zoubek: Welche Voraussetzungen muss man für diesen Beruf mitbringen?

Stefan Müller: Man braucht auf jeden Fall gute Deutschkenntnisse. Wichtig ist auch eine gute Merkfähigkeit. Beim Dolmetschen laufen ja verschiedene Prozesse gleichzeitig ab. D.h. ich muss das gehörte verstehen und direkt weitergeben. Gleichzeitig muss sich das gehörte wiederum verstehen und wieder aufgreifen und umsetzen. Man sollte in der Lage sein, sich in verschiedene Fachgebiete einzuarbeiten. Wichtig ist, dass man sein Vokabular trainiert. Auch gehört eine gewisse Stressresistenz dazu. Von Vorteil ist auch eine gute Mobilität, wenn man bereit ist, auch Außeneinsätze zu übernehmen. Wenn man mit Spracherkennung oder Konferenzsoftware arbeitet, gehört auch eine gewisse technische Affinität dazu.
Lydia Zoubek: Wohin wenden sich Interessierte mit mehr Informationsbedarf?
Stefan Müller: Interessierte wenden sich am besten an die Agenturen. Diese speziellen Stellen haben einen breiten Pool an Dolmetschern zur Verfügung und bieten auch selber aus-und Fortbildungen an. Zu nennen sind hier die Agentur Kombia in Darmstadt und die Agentur Verbavoice in München. Es gibt auch ein Register, in dem sich selbständig arbeitende Schriftdolmetscher eintragen. Daneben gibt es noch kleinere Agenturen, die in verschiedenen Regionen ansässig sind. Wenn man in einer Suchmaschine „Schriftdolmetscher“ und „Agentur“ eingibt, findet man zahlreiche Stellen. Wenn Sie selber eine Veranstaltung planen oder als Arbeitgeber bzw. Arbeitnehmer Schriftdolmetscher benötigen, können Sie sich an die Agenturen wenden oder sie im Register finden. Weitere Ansprechpartner sind zum Beispiel die Integrationsämter, Bundesarbeitsagenturen oder der deutsche Schwerhörigenbund. Blinde und sehbehinderte, die sich für eine Ausbildung zum Schriftdolmetscher interessieren, können sich auch bei Monika Weigand im Berufsförderungswerk Würzburg melden

Lydia Zoubek: Danke Dir Stefan für dieses Interview.

Stefan Müller: gern geschehen. 

Blinde sind blind

Das Bild zeigt mich an einem See im Hintergrund. ‚Die Sonne scheint und weit hinten stehen Bäume.

Ich bin zu Besuch bei einer Familie. Wir sitzen im Wohnzimmer und unterhalten uns bei einer Tasse Tee. Es ist Herbst und so langsam wird es draußen dunkel. Normalerweise sehe ich besser, wenn es so etwas dämmerig wird. Denn ich bin stark Lichtempfindlich. Aber jetzt ist es mir zu dunkel. Ich bitte meine Gastgeber um etwas mehr Licht. Es wird schlagartig still. Irgendwann fragt mein Gastgeber verwundert warum ich denn Licht haben wollte. Schließlich sei ich blind, und für mich sei ohnehin alles dunkel.

Immer wieder begegnen mir solche oder ähnliche Situationen. Daher habe ich dieses Thema für meinen nächsten Beitrag ausgewählt.

Zunächst einmal ein paar Zahlen und Fakten.
Blind ist man, wenn man auf dem besser sehenden Auge ein Restsehen von maximal 2 % hat. Bei einem Restsehvermögen von bis zu 5 % auf dem besser sehenden Auge spricht man von einer hochgradigen Sehbehinderung. Von Sehbehindert spricht man zwischen einem Restsehen von mehr als 5 % und weniger als 30 %. Diese Werte gelten inklusive Hilfsmittel wie Kontaktlinsen, Brillen und andere Sehhilfen. Jemand mit einem Restsehen von 5 % erkennt einen Gegenstand aus 5 m Entfernung, den ein normal sehender mit 100 % auf 100 m ausmachen kann.

Hierbei handelt es sich lediglich um Richtwerte des Gesetzgebers. Das Restsehen von bis zu 2 
% kann sich bei einem gesetzlich blinden Menschen also völlig unterschiedlich auswirken. Augenerkrankung, Lichtverhältnisse oder Tagesform können eine entscheidende Rolle spielen. Genaueres ist beispielsweise auf der Seite des deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands DBSV http://www.dbsv.org nachzulesen.

Nur etwa vier Prozent aller blinden sehen wirklich gar nichts. Das heißt, dass sie Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden können. Alle anderen verfügen über ein mehr oder weniger verwertbares Restsehen. Somit sind blinde also unterschiedlich blind.

Und so unterschiedlich wie die Restsehen sind auch blinde Menschen. Es gibt zahlreiche Mythen und Eigenschaften, welche sich um uns ranken. Ich möchte nur einige wenige aufgreifen.

Blinde hören besonders gut. Vor allem im musikalischen Bereich. Damit ist sicher das absolute Gehör gemeint. Das haben normal sehende ebenso wie Blinde Musik begabte. Ich habe es definitiv nicht. Eine sehende Musiklehrerin meines Sohnes hingegen schon. Gut, Blinde holen sich viele Informationen, die sie nicht sehen können über das Gehör. Dabei darf man jedoch nicht außer Acht lassen, dass das Gehör blinder Menschen einem Langzeittraining unterworfen wurde. Es ist also besser geschult, und nicht wie oft geglaubt wird, von vornherein besser ausgestattet. Gleiches gilt auch für das Fingerspitzengefühl. Wenn ich Braille mit den Fingern lesen kann, dann weil ich es lange Zeit trainieren konnte, und nicht, weil ich mit besserem Tastvermögen zur Welt gekommen bin. Besonders deutlich wird das bei Menschen, die später erblinden und dann erst anfangen mit den Fingern Braille zu lesen oder ihren Tastsinn verstärkt einzusetzen. Es braucht eine Menge an Training und Willenskraft diesen zu trainieren.

Blinde sind immer so fröhlich. Sind sie das wirklich? Sind normal sehende es nicht? Wo bitte liegt der Unterschied? Ich denke, das hat damit zu tun, das Blindsein bei den meisten mit Trauer, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus gleichgesetzt wird. Und eben das ist ein absolut falscher Ansatz, und sagt nur aus, dass diejenigen, die das behaupten von sich aus gehen. Blinde sind genauso Fröhlich, traurig, Optimistisch oder auch pessimistisch. Sie sind blind. Das ist jedoch nicht ihre einzige Eigenschaft. Es gibt blinde, deren Gesellschaft ich genieße, und andere, deren Nähe ich meide. Und zwar nicht aufgrund ihrer Sehbehinderung, sondern aufgrund ihres Wesens. Und gleiches gilt auch für normal sehende. Es gibt davon welche, in deren Nähe ich mich wohl fühle, und andere, die ich buchstäblich nicht riechen kann.

Blinde haben ein gutes Gedächtnis für Stimmen. Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Nur weil mir jemand vor drei Monaten über die Straße geholfen hat, muss ich ihn nicht unbedingt wiedererkennen. Ein normal Sehender würde auch nicht jeden erkennen, der ihm vor drei Monaten einmal auf der Straße begegnet ist. Es sei denn er hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es gibt tatsächlich blinde, welche ein wirklich hervorragendes Gedächtnis für Stimmen haben. Davor habe ich großen Respekt; ebenso wie vor Sehenden, welche eine Art Fotografisches Gedächtnis haben.

Eines ist mir in diesem Zusammenhang bisher immer schleierhaft geblieben. Wenn uns Blinden so ein hervorragendes Gehör und Stimmengedächtnis bescheinigt wird, warum sprechen manche Zeitgenossen besonders laut und besonders gut artikuliert mit uns? Ich erlebe es hin und wieder, dass ich an einer Ampel stehe und jemand sich ganz dicht zu mir beugt und schön laut und deutlich in mein Ohr brüllt „Es ist grün, Sie können jetzt gehen“.

Fassen wir kurz zusammen. Blinde sind blind. Und nur das, es sei denn sie haben eine zusätzliche ausgewiesene Behinderung wie auch nicht blinde sie haben können. Sprich es gibt auch Blinde, die eine zusätzliche Gehbehinderung oder Hörschädigung haben. Ansonsten bleibt die Sehbehinderung als einzige Sinnesbehinderung stehen. Sprich der Normalsterbliche Blinde braucht nicht angebrüllt oder wie ein kognitiv minderbemitteltes Individuum behandelt zu werden. Und ja, mit einem Blinden kann man ganz normal Treppen laufen oder Rolltreppe fahren. Und wenn der Sehende sich unsicher ist, darf er auch nachfragen.

Meine Sehbehinderung ist eine meiner Eigenschaften. Aber sie ist nicht meine einzige Eigenschaft. Zusätzlich habe ich wie ein normal sehender alle möglichen anderen Eigenschaften. So wie normalsehende können Blinde genauso nett, fröhlich, bösartig oder auch intrigant sein. Sie sind genauso groß, klein, Dick, dünn oder haben alle möglichen Eigenschaften, die ein Sehender auch mit sich bringt. Und sie haben Hobbys und Leidenschaften, wie ein normal sehender sie auch hat.

Kurz, auch ein Blinder mag nicht auf seine Behinderung runterreduziert werden. Ich bin zwar auch blind, gleichzeitig habe ich schwarzes Haar, stricke gern oder bin Mutter. Alles Eigenschaften, die mich und mein Wesen ausmachen. Und ich habe einen Namen, und bin nicht einfach nur die Blinde.

Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln. Eine Dame, die mir auf der Straße begegnete, erklärte mir folgendes: „Ich weiß wie das ist blind zu sein. Meine Nachbarin hat einen blinden Hund“