Eltern mit Behinderung: Aber ihr Mann ist doch sehend?!

wheelymum

Lydia ist eine bloggende Mama. Sie ist hat zwei Kinder, einen Mann und ist blind. Ihr Mann ist sehend?! Zumnindest ist diese Frage oder Feststellung häufig ein Thema in Gesprächen. Lydia hat für die Blogreihe einen Gastbeitrag geschreiben. Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen, wenn ihr fragen habt, immer her damit und besucht doch Lydia auch einmal auf ihrem Blog.

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Fast ein Weihnachtskater

Das Foto zeigt zwei Katzen vor einer Haustür. Beide schauen einander an.

Als ich Gucki kennenlernte, war er kein Vierteljahr alt. An sich eine Handvoll Katze in Schwarz gehalten mit ein bisschen weiß auf der Brust und den Vorderpfoten. Er war ein verschmuster und zutraulicher Kater, der keine Tapeten zerkratzte, einen nicht ansprang und auch mit Kindern sehr gut zurechtkam.

Gucki liegt auf einem Stapel Kisten auf die ein Handtuch gelegt wurde.

Als er vielleicht anderthalb Jahre alt war, verlor ich ihn aus den Augen. Bei uns hatten auch zwei junge Katzen Einzug gehalten. Es waren zwei Brüder, die sich nicht besonders vertrugen. Lucky ließ Jockel nicht einfach so fressen und so weiter. Tja, und manchmal wurde so manche Streitigkeit zuhause begonnen. Dann mussten die Beiden höflich nach draußen gebeten werden.

Lucky verließ uns irgendwann. Er hatte sich Dosenöffner aus der Nachbarschaft ausgesucht, die ihn liebend gern adoptierten. Das war für alle Beteiligten eine gute Lösung. Vor allem für unseren Jockel bedeutete es, dass er einen geschützten Bereich für sich hatte.

Auf dem Bild liegt Jockel zusammengerollt auf einer Decke.

Gucki war etwa zehneinhalb Jahre alt, als sich bei einem Mitglied seiner Familie eine schwere Katzenallergie einstellte. Irgendwann wurde die Entscheidung getroffen, den Kater in gute Hände zu geben. Mehrere Versuche ihn abzugeben scheiterten. Die Besitzer wollten ihn aber auch nicht einfach in ein Tierheim geben.

Nun, ich kannte ihn von klein auf. Daher war mir sein Schicksal nicht so gleichgültig. Und so besprach ich mich mit meiner Familie. Wir entschieden, dass wir ausprobieren würden, ob Jockel und Gucki miteinander leben können. Platz für eine zweite Katze war ja da. Wir vereinbarten, dass Gucki nach Silvester 2013 zu uns kommen würde.

Als Gucki kam, waren wir alle ziemlich gespannt auf den neuen Mitbewohner. Vor allem darauf,  wie er in der neuen Umgebung zurechtkam. Als er gebracht wurde, stellten wir den Transportkorb ins Wohnzimmer und überließen es dem Kater selbst rauszugehen oder noch eine Weile im Korb sitzenzubleiben. Es dauerte nicht lang, bis er neugierig genug war rauszugehen und ein bisschen miauend umherzustreifen. Er war eben ein gesprächiger Kater.

Jockel war etwas ängstlich, als die beiden Kater sich begegneten. Es stellte sich heraus, dass Gucki ebenfalls Angst hatte. Er verkroch sich auf dem obersten Stockwerk unter ein Bett und blieb erst mal dort. Später war es ein Bretterstapel, den er sich als Zuflucht aussuchte. Wir sahen ihn in den ersten Tagen nur wenig. Er kam zum Fressen und auf das Katzenklo. Und abends miaute er das ganze Katzenherzenleid heraus. Es klang so unsagbar traurig.

So ging es einige Tage. Dann begann er seinen Vertrauensbereich zu erweitern. Manchmal wachte ich davon auf, dass er sich an das äußerste Ende meines Bettes zusammengerollt hatte. Später hielt er sich auch mal im Wohnzimmer auf. Er entdeckte wohl, dass ihm hier keine Gefahr drohte.

Gucki war bisher Freigänger gewesen. Und das würde er bald auch wieder sein dürfen. Bis dahin, hatte ich bei jedem Öffnen der Haustür Angst, dass er uns entwischen könnte. Und wie sollte ich ihn dann wiederfinden? Daher verzichtete ich während dieser Zeit komplett darauf, die Haustür per Knopfdruck zu öffnen und ging selbst hinunter.

Auf dem Bild sind beide Katzen im Wohnzimmer. Gucki liegt vor der Terrassentür. Jockel steht vor einem Schrank. Beide Katzen wirken friedlich.

Gucki stand oft genug vor der Terrassentür und miaute herzzerreißend. Als Freigänger musste er sich total eingesperrt fühlen. Und so zogen sich die ersten Wochen hin, bis wir entschieden ihn rauszulassen. Die ersten Male machte ich mir Sorgen darüber, dass er nicht zurückkam. Aber irgendwann hörte das auf. Denn Gucki zeigte mir, dass er begriffen hatte, dass er hier bei uns zuhause war.

Es war eine gute Entscheidung, Gucki im Winter zu uns zu nehmen. Ich glaube, ich wäre sonst tausend Tode gestorben. Immerhin steht unsere Terrasse offen, sobald das Wetter schön ist. Nun, als der Frühling 2014 kam, erinnerte nichts mehr daran, das Gucki erst seit kurzem bei uns war. Er hatte sich mit Jockel arrangiert. Nur beim Fressen kennt er keine Freunde. Aber wenn es nur das ist? Damit können wir inzwischen umgehen.

Auch Blinde haben mal schlechte Laune

Es ist Sonntag und später Nachmittag. Am Abend findet eine Familienfeier statt, für die ich mich noch fertig machen muss. Am Nachmittag hatte ich ein Treffen in Friedberg, die SBahn habe ich nur bekommen, weil sie Verspätung hatte, und ohnehin bin ich eine Stunde später als ursprünglich geplant zuhause. Kurz, ich bin voll im Stress. Und weil im Linienbus mal wieder die Ansage der Haltestellen abgeschaltet war, bin ich auch noch zu weit gefahren. Gut, dass mir der weg vertraut ist.

Ich gehe sehr zügig meinen Weg. Plötzlich taucht in meinem eingeschränkten Blickfeld ein Mensch auf, der langsamer unterwegs ist als ich. Ich versuche zu überholen, geht aber nicht, da dieser Mensch in dieselbe Richtung ausweicht wie ich. Meine Bitte mir Platz zu machen wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert. Aber ich will jetzt hier vorbei! Also weiche ich auf den Fahrradweg aus. Plötzlich werde ich von einem Arm aufgehalten, der sich mir ausgebreitet in den Weg legt. Und das in Brusthöhe. Das tut ganz schön weh. Geht’s noch? Fast hätte ich mich auf die Nase gelegt. Und als ob das nicht ausreicht kommt die weibliche Stimme aus dem Hintergrund und mault mich an: „Machen Sie langsam, sie sehen doch nix“. Dabei krallt sich eine zweite Hand in meine Jacke.

Ich bin wütend und erschrocken zugleich. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich die Dame erst mal so richtig anschnauze und mich aus ihrem Klammergriff befreie. Ich ignoriere meinen Schmerz und laufe weiter. Ich höre wie sie mir etwas wie „So was undankbares aber auch. Soll doch froh sein, dass man ihr hilft.“ hinterher ruft. Ich bin so was von wütend, dass es mir egal ist wie sie denkt. Soll sie doch herumerzählen, dass die Blinde absolut undankbar und unfreundlich ist. Jetzt, hier und heute ist mir das so was von egal. Ich will nur noch weg.

Was war passiert? Die Dame hat eine Blinde gesehen und wollte diese aufhalten. Vermutlich hat sie überlegt, dass sie, wenn sie die Augen zu macht, ganz sicher vor den nächsten Laternenpfahl laufen würde. Und davor wollte sie mich bewahren. Und wie macht man das am besten? Man breitet die Arme aus, um das Objekt der Wahl aufzuhalten. Und damit diese Frau nicht fällt, halten wie sie mit der anderen Hand fest. Ich denke, dass die hilfsbereite Dame keinen Moment darüber nachgedacht hat, dass sie mich nie würde halten können. Und auch nicht, dass ich das nicht gut finden könnte.

Zugegeben, ich war sehr schnell unterwegs. Das hat für mich zur Folge, dass ich mich mehr auf den Weg konzentrieren muss. Ich muss in derselben Zeit mehr Schritte mit dem Blindenstock vorher abtasten, bevor ich meinen nächsten Schritt setze. Dabei hilft mir mein Sehrest von ca. 2 % bei der groben Orientierung. So was wie Bäume oder Autos kann ich noch erkennen. Dasselbe gilt auch für Menschen, die vor mir laufen. Daher kann ich mir dieses schnelle Tempo gefahrlos leisten. Ich bin eine erwachsene Frau, und entscheide selbst wi schnell oder langsam ich mich bewegen möchte und kann. Und wenn ich dabei vor eine Laterne laufe, dann ist es auch mein eigenes Verschulden. Jeder Mensch hat ein Recht darauf mit der Nase gegen eine Wand oder was auch immer zu laufen. Da bilden Blinde keine Ausnahme. Ich kann von mir sagen, dass ich solche Dinge ganz gut einschätzen kann. Hier war also das beherzte Eingreifen einer anderen Person absolut kontraproduktiv.

Und jetzt nochmal für diejenigen, die noch immer denken: „Die hat es doch nur gut gemeint“. Wie würdet Ihr reagieren, wenn Ihr schnell unterwegs seid, und jemand Euch fast von den Füßen holt? Es übersteigt meine Vorstellungskraft mir vorzustellen, dass jemand sagt: „Danke, dass Sie ein Geschoss wie mich aufgehalten haben.“ Nun, und da Blinde denselben Gesetzen von guter oder schlechter Laune unterliegen, reagieren wir ähnlich. Vielleicht sogar noch heftiger, weil wir die Person, die uns da anfasst nicht haben kommen sehen.

Fazit, übertriebene Fürsorge ist hier fehl am Platz. Und wenn Ihr Euch unsicher seid, dann sprecht uns an, bevor Ihr uns einfach so anfasst.

Wie erkennen Blinde Geld?

Auf dem Foto bin ich in einem Fachgeschäft für Handarbeit zu sehen. Ich habemeine linke Hand über den Ladentisch gestreckt, und jemand legt mir Wechselgeld hinein. Den Blindenstock habe ich unter den rechten Arm geklemmt.

Ich bin leidenschaftliche Strickerin. Dabei kann ich mich entspannen, besser konzentrieren oder einfach nur die Hände beschäftigt halten. Und wenn ich dann im Handarbeitsladen meines Vertrauens gehen und mir Anregungen holen kann, dann ist der Tag gerettet. Da ich nicht wie ein normal sehender in einer Zeitschrift für Handarbeit schmökern kann, liebe ich es mit der Ladeninhaberin zu quatschen, mir Anregungen zu holen oder mir anzusehen was sie gerade in Arbeit hat.

Eigentlich hatte ich heute nicht vor etwas Neues zukaufen, bevor ich die Wolle aus meinem strickkorb verarbeitet habe. Aber die Wolle hier ist einfach zu schön. Die muss ich mitnehmen. Also Den Geldbeutel aus der Tasche geholt, und das Geld über den Tisch geschoben.

Aber halt, blind bezahlen? Wie geht das? Das ist eine Frage, die ich hin und wieder gestellt bekomme. Ja, das geht. Und sogar ohne fremde Hilfe. Ich kontrolliere selbst welches Geld ich meinem gegenüber gebe, und wieviel Wechselgeld ich zurückbekommen habe. Und das geht so:

Das Foto zeigt einen Geldscheinprüfer mit einem 20 € Schein in meiner Hand. Der Geldschein ist im Cashtest eingespannt.

Eurobanknoten haben unterschiedliche Längen. Daran kann man sie auseinanderhalten. Jemand, der richtig Übung hat, kriegt das weitgehend auch ohne Hilfsmittel hin. Ich selbst nutze einen Cashtest. Das ist eine Schablone, in die der Geldschein eingespannt wird. Diese Schablone ist mit Zahlen in Braille versehen, so dass ich anhand der Länge ablesen kann welchen Geldschein ich jetzt in Händen halte. Dieser kleine Helfer aus Kunststoff hat etwa die Größe einer Checkkarte und ist etwa dreimal so dick.

Das geht nicht so schnell wie bei einem normal sehenden, der einfach auf den Geldschein schaut und mit einem Blick erfasst was er gerade in der Hand hält. Bei mir dauert das ein paar Sekunden länger. Um das Bezahlen zu beschleunigen, sortiere ich meine Geldscheine im Portmonee vor. Das erleichtert mir die Suche, gerade wenn viel im Supermarkt los ist.

Ich werde oft danach gefragt, ob sich nicht auch Beschriftungen auf den Geldscheinen befinden. Nein, tun sie nicht. Es gab zu Zeiten der DM einen Versuch die Banknoten mit fühlbaren Zeichen zu versehen. Allerdings hat sich dies nicht bewährt. Geldscheine sind viel in Umlauf, werden auch schon mal durch die Hand gequetscht oder landen auch mal in der Waschmaschine. Spätestens nach der buchstäblichen Geldwäsche sind diese Kennzeichnungen nicht mehr zuverlässig fühlbar. Daher wurde sehr schnell Abstand davon genommen. Da auch bei der DM die Scheine unterschiedliche Längen haben, wurde der Cashtest entwickelt und hat sich bestens bewährt. Grund genug also, um ihn für den Euro weiterzuverwenden.

Einfacher finde ich es Geldmünzen zu unterscheiden. Hier orientiere ich mich an der Beschaffenheit der Ränder. Diese sind unterschiedlich. Wenn man also ein 20 Cent, 50 Cent und eine 1 € Münze nebeneinander legt, sieht man den Unterschied sofort. Und ich kann ihn eben erfühlen.

Auf dem Bild ist eine 20 Cent und eine 50 Cent Münze in meiner Hand zu sehen. Der Focus liegt auf den Rändern.

Als der Euro kam, habe ich mir einen Münzsortierer zugelegt. Dieser hat mir die ersten Gehversuche mit dem Euro erleichtert. Allerdings kam irgendwann der Tag, an welchem mir die Handhabung zu langsam ging. Und so verzichtete ich irgendwann ganz darauf. Ich kenne andere Blinde, die mit so einem Hilfsmittel gern arbeiten. Das ist wie beim Braten. Der eine nimmt den Pfannenwender, ein anderer lieber einen Kochlöffel. Und beides führt zum selben Ergebnis.

Um einen Geldschein zu überprüfen brauche ich beide Hände. Daher mag ich es am liebsten, wenn ich Wechselgeld getrennt zurückbekomme. Also erst die Scheine, dann die Münzen und anschließend den Kassenbong. Oft bekomme ich das alles zusammen in die Hand geklatscht. In solchen Momenten wünsche ich mir eine dritte Hand zum gleichzeitigen Geld festhalten und erkennen. Gerade wenn es schnell gehen muss. Wobei ich im Supermarkt meines Vertrauens auf das genaue Überprüfen des Geldes verzichte. Es gibt aber auch Kassierer, die mir sagen was sie mir zurückgeben. Ich finde das gut, da ich so einen schnellen Überblick über die Stückelung der Scheine bekomme.

Größere Beträge zahle ich meist mit Karte. Ich mag nicht so viel Geld mit mir herumtragen. Und dann liebe ich mir besonders die Automaten, welche noch fühlbare Tasten haben. Die älteren Automaten haben noch so richtig griffige Tasten, bei denen man fühlt ob die Taste wirklich gedrückt wurde.

Geld abheben am Geldautomaten ist auch manchmal ein echtes Abenteuer. Denn die Anweisungen kommen über den Bildschirm, den ich nicht verfolgen kann. Meine Hausbank hat einen ihrer Automaten mit einer Sprachausgabe ausgerüstet. D.h., dass ich mir einen Kopfhörer oder Headset mitbringe und einstöpsle. Ich bekomme dann über eine Sprachausgabe meine Anweisungen direkt ins Ohr. Sicherheitsrelevante Daten wie Pin werden nicht laut vorgelesen. Damit kann ich ohne fremde Hilfe den gewünschten Geld betrag auswählen. Was noch nicht gut ist, dass ich die Stückelung festlegen kann. Aber vielleicht kommt das irgendwann noch mal. Bis jetzt lasse ich mir von den Mitarbeitern helfen, wenn ich etwas anderes als die übliche Stückelung brauche, oder hebe auch schon mal Bargeld im Supermarkt ab. Da kann ich den Mitarbeitern mitteilen was ich möchte.

Kommen wir zum Thema Helfen. Manchmal will mir mein Gegenüber das Wechselgeld direkt ins Portmonee tun. Das möchte ich nicht. Ein Portmonee ist etwas sehr persönliches. Außerdem habe ich hier meine eigene Ordnung. Daher lehne ich dieses gut gemeinte Hilfsangebot grundsätzlich ab. Erst recht, wenn ich die Person nicht kenne. Es gibt nur wenige Menschen, die an mein Portmonee dürfen. Es reicht völlig aus mir Wechselgeld in die Hand zu geben.
Bin ich mit sehender Begleitung unterwegs, so erlebe ich es hin und wieder, dass mein Gegenüber mit dieser kommuniziert, anstatt mit mir. Ich erinnere mich da an eine Geschichte vor ein paar Jahren. Ich brauchte ein neues Uhrenarmband. Unterwegs war ich mit einem sehenden Freund. Im Laden unserer Wahl sagte ich meinem Freund, dass er das Design aussuchen dürfe und ich das Material. Wir wurden fündig, und ich gab dem Verkäufer einen Geldschein. Dieser schaute unentwegt meinen Freund an und wollte ihm auch das Wechselgeld geben. Er hat jedenfalls ziemlich gestaunt, dass mein Begleiter ihm zu verstehen gab, dass ich die Käuferin bin und also auch das Wechselgeld bekomme.

Ich möchte mich bei Volkhard Sobota für die Erstellung der in diesem Beitrag verwendeten Fotos bedanken. Bei ihm liegen auch die Urheberrechte.

Die Polizei, dein Freund und Helfer eine Katzengeschichte

auf dem Bild sieht man eine zusammengerollte Katze.

Draußen begann es hell zu werden, als ich es in unserem Wohnzimmer fauchen und toben hörte. So viel also zum Thema Ausschlafen am Wochenende. Es war Samstag früh, und mitten in den Winterferien 2005. Meine Kinder, vier und fünf Jahre schliefen zwar nicht mehr, beschäftigten sich jedoch in ihrem Kinderzimmer. Doch es war nur noch eine Frage der Zeit bis sie in mein Bett kamen.
Ein lauter Schlag riss mich aus meinen Überlegungen. Das hörte sich nach etwas größerem an. Also stand ich auf und ging widerwillig nach unten, um den Katzen Einhalt zu gebieten. Und da sah ich die Bescherung. Der Weihnachtsbaum hatte dem Temperament der beiden Jungkatzen nichts entgegenzusetzen und war samt Ständer umgefallen. Wasser, mit dem der Ständer gefüllt war, zerbrochene Glaskugeln und allerhand anderer Dinge lagen kreuz und quer auf dem Boden herum. Meine Kinder, die den Schlag ebenfalls gehört hatten, waren mir nach unten gefolgt. Während sie das Chaos bestaunten, fühlte ich Panik in mir aufsteigen. Wie sollte ich die Katzen davon abhalten sich an Scherben zu verletzen, und wie konnte ich das Chaos schnellstmöglich beseitigen? Ich ordnete an, dass meine Kinder sich Hausschuhe anziehen sollten und versuchte Den Weihnachtsbaum aufzustellen. Aber der war einfach zu schwer für mich. Und selbst wenn ich ihn aufgestellt bekommen hätte, wären da noch die Scherben, die auf ca. 20 QM verteilt waren. Der Staubsauger konnte mir hier nicht helfen, da ich wegen des Wassers eben nicht saugen konnte. Als fast blinde Frau brauchte ich Stunden, um das hier restlos beseitigen zu können.

Irgendwann sah ich ein, dass ich hier Hilfe brauchte. Aber woher? Es war Samstag früh 7:30 Uhr. Mein Mann war heute unterwegs und ich hatte niemanden, den ich um diese Uhrzeit hätte anrufen wollen. Ich wusste aber auch, dass jetzt gleich was passieren musste, dass ich nicht warten wollte bis meine Nachbarn wach waren.

Und dann hatte ich die Idee. Ich rief auf unserem Polizeipräsidium an und bat sie mir einen Dienstleister zu nennen, der mir jetzt und hier helfen könnte. Man versprach mir jemanden vorbeizuschicken. Kurz darauf klingelten zwei freundliche Polizeibeamte bei mir, ein Mann und eine Frau. Mit vereinten Kräften wurde der Baum aufgestellt, die Scherben aufgekehrt und Wasser und Chaos beseitigt.

Die Polizei hatte hier mal wieder schnell und unbürokratisch geholfen. Es war nicht das letzte mal, dass ich eine solche Erfahrung machen durfte.

Ich habe einmal mehr erfahren, dass Fragen nichts kostet. Außer vielleicht die Überwindung dazu.

„lasst mich auch dabei sein!“

auf dem Bild ist ein Mann an seinem ComputerArbeitsplatz zu sehen.

Lydia bat mich, einen Gastbeitrag für Ihren Blog zu schreiben. Ich bin Markus Ertl, 43 Jahre, späterblindet und stehe mitten im Leben. Meine kleine Familie, das sind meine Frau, meine zwei Mädels und zwei Katzen und ich. Meine Arbeit ist die Personalentwicklung, d.h. ich schaue bei uns, was unsere Leute in der Sparkasse für Weiterbildungen brauchen und das macht mir richtig Spaß. Ich erlebe leider, und nicht nur in der Arbeit, dass ich auf viele Barrieren stoße, die mich immer wieder ein kleines Stückchen aus einer inklusiven Welt hinaus drücken möchten. Deshalb bin ich auch bei der Interessensgemeinschaft selbstbestimmt Leben e.V. (IsL) Inklusions-Botschafter geworden, um immer wieder über das Thema aufzuklären. Und deshalb freue ich mich, dass mich Lydia gefragt hat, hier zu schreiben.

Was bedeutet barrierefrei für Blinde in einer inklusiven Gesellschaft

Oft höre ich von Menschen, dass sie mit barrierefrei bisher immer nur eine Rampe, einen Aufzug oder einen abgesenkten Bordstein in Verbindung gebracht haben. Was aber für Rollstuhlfahrer, Rollator-Jockeys oder Kinderwagen für eine uneingeschränkte Zugänglichkeit absolut wichtig ist, braucht ein Blinder meist nicht.

Ich erlebe es oft, dass mich jemand zum Auszug, zur Rolltreppe oder zu einer Rampe führt und ich entgegne dann oft gerne, dass ich froh bin, nur Blind zu sein und ich gerne Treppen gehe, schon wegen der Fitness. Vielleicht schaut es für andere im ersten Moment ein bisschen tapsig aus. Aber seit dem ich mit meinem Stock unterwegs bin, bin ich keine Treppe mehr herunter gestürzt. Also hilft es mir und anderen Blinden bei dem Thema „Barrierefreiheit“ im ersten Moment grad nicht besonders weiter.

Jedoch haben wir andere Barrieren, die für uns gewisse Dinge nicht zugänglich sein lassen und es gilt, diese Hindernisse abzubauen, um auch am normalen Leben teilhaben zu können.

Nachdem wir vieles nicht visuell wahrnehmen können, profitieren wir einerseits von einer fortschreitenden Digitalisierung, werden aber andererseits durch eine, immer stärker visuell orientierten Gesellschaft wieder ausgebremst.

Und deshalb ist es für mich unbedingt wichtig, dass meine Mitmenschen verstehen, was für mich barrierefrei bedeutet und dies auch in Ihrem Tun immer wieder bedenken. Ich sage dann gerne immer, macht doch bitte mal die Augen zu und versucht das ohne Fremde hilfe zu lesen und zu erkennen.

Ich erlebe es immer wieder, dass mir in meiner Arbeit von Kollegen handschriftliche Notizen gereicht werden, dass meine Kinder von der Lehrerin eine Notiz, auch wieder handschriftlich mit nach Hause bringen, dass mir Freunde Bilder über WhatsApp schicken und ich bin mir bei allen drei Beispielen sicher, dass sie es nicht beabsichtigen, ich mich aber immer wieder aufs Neue mindestens schlecht fühle oder mir sogar auch schon mal ausgegrenzt vorkomme.

Und ich weiß auch, dass es nichts hilft eingeschnappt und böse zu sein, aber einmal muss ich da schon mindestens tief durchatmen.

Informations-Technologie, der Schlüssel zur Barrierefreiheit

Ich habe ja schon angedeutet, dass es eine große Chance für uns Blinde ist, die Digitalisierung für unsere Barrierefreiheit zu nutzen. ePaper, eBooks, Emails, www. , sind mit der entsprechenden Technik für uns gute Möglichkeiten am Leben maximal teilzuhaben.

Ich denke noch mit Entsetzen an eine Zeit zurück, ist erst ca. ein Jahr her, da hat mir meine Frau noch immer die lokale Zeitung vorlesen müssen. Sie hat selbst natürlich eine andere Priorität und ich bin oft an für mich wichtigen Informationen vorbeigelotst worden.

Das erste Mal wieder in einem vernünftigen ePaper-Format meine Zeitung lesen zu können war ein ordentliches Stück Selbstbestimmtheit und ich genieße jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit meinen eigenen Blick in die Tageszeitung und fühle mich gut dabei.

Ich habe auf meinem Smartphone nicht nur eine App für meine Heimatzeitung. Ich mache mir über diesen Weg auch andere Literatur wieder zugänglich. Ein E-Book-Format kann ich über Bluetooth auf eine Blindenschriftzeile, die sogenannte Braillezeile anzeigen lassen und so auch wieder Bücher lesen, ohne zu warten, dass die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig ein drei Mal so dickes Buch in Brailleschrift herausbringt.

Und ich kann mich an mein erstes E-Book in Brailleschrift noch gut erinnern. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph Eichendorff. Ein furchtbarer Schinken, aber es war halt auch ein Buch, dass ich schon als Sehender in meiner Schule gelesen hatte.

WhatsApp, Facebook & Co. sind täglich am PC und auf meinem Smartphone im Einsatz.

Viele fragen mich verwundert, wie ist so etwas nur möglich?

Eine Sprachausgabe ist auf jedem neuerem Smartphone vorinstalliert. Auch Windows hat einen integrierten Screen Reader, der die Zeichen, die für sehende auf einem Bildschirm zu sehen sind, für Blinde in Sprache oder in Brailleschrift ausgibt. Weiter gibt es auch noch andere professionelle Hilfsprogramme, die uns bei der Arbeit am PC und mit einem Touch-Screen helfen können.

Mit dieser Hilfstechnik sind Emails, Briefe, PowerPoint-Präsentationen und vieles mehr keine Zauberei für mich. Ich selbst habe sogar über die Blindentechnik gelernt, exakter und strukturierter zu arbeiten und gebe dieses Wissen auch in meiner Arbeit an andere weiter.

Was gibt es für Probleme, auf dem Weg zur inklusiven Informationstechnologie?

Jetzt hört sich das ja wunderbar an, was ich und viele andere Seheingeschränkte alles so machen können. Das ganze wäre noch schöner, wenn unsere Mitmenschen auf ein paar Dinge achten würden.

So komme ich auf die Informations-Technologie zurück,die ich zu Anfang beschrieben habe. Der Gesetzgeber hat hierfür sogar eine Norm geschaffen. Ein Bundes-Gleichstellungsgesetz (BGG)V sagt, dass alles, was der Bund macht barrierefrei sein soll und regelt diese Zugänglichkeit in einer Verordnung, der BITV 2.0

Ich möchte am Ende des Beitrages nochmals auf die für mich wichtigsten Aspekte eingehen.

Wenn schon beim Erstellen eines Dokuments, einer Web-Seite, einer App oder einer Software darauf geachtet wird, dass bestimmte Richtlinien beachtet werden,  ist sie auch Problemlos für Blinde und Sehbehinderte zugänglich. Die beste Art herauszufinden wie barrierefrei eine Website ist, ist sie von Betroffenen oder einem BITV-Tester überprüft zu lassen. Dann ist man auf der sicheren Seite.

Trotzdem treffe ich immer wieder auf Bariren die ich ohne hilfe nicht überwinden kann.

Daher habe ich es mit auf meine Fahnen geschrieben, viele Menschen darüber zu informieren und auf Unterstützungsfang zu gehen.

Ein wichtiger Kanal, den ich hier nutze, um aufzuklären ist Facebook. Und Facebook hat zudem noch ein hausgemachtes Problem. Die haben sich dafür entschieden, den Alternativtext im Bild nicht zuzulassen. So wird ein Bild hochgeladen und ich höre dann die automatische Bildbeschreibung von denen. Die lassen durch ein Programm das Bild scannen und meine Sprachausgabe liest mir dann vor:

„ Bild mit zwei Personen und Sonnenbrille und Text“.

„Bild zeigt Baum und Wasser mit Himmel und Text“

„keine Bildbeschreibung vorhanden“

Ja das mit dem Text, das ist der Zeitgeist. Viele schöne Bilder mit integriertem Text sind auf Twitter, Facebook oder über WhatsApp verteilt. Ich kann aber den Text mit der Texterkennung bei 90 % der Bilder nicht lesen und höre dann nur, wie bei diesem Bild


Texterkennung OpenBook (professionelles Texterkennungsprogram – OCR):
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Bis hierher habe ich aber schon viel Zeit gebraucht, um dann doch zu merken, dass ich hier alleine nicht weiterkomme.

Und das nervt dann tierisch, hier nicht dabei sein zu können, nur weil Text im Bild grad so schön zu posten ist

Und genau hier gehe ich gerne auf die Seiten, die so etwas posten, auf Freunde die das teilen, auf Bundesbehörden, die das bereits machen müssten, zu und bitte um einen Alternativtext außerhalb des Bildes.

Ein Text, der das Bild und den Text beschreibt, eingeleitet mit den Worten (Bildbeschreibung) oder „Bild zeigt …. und Text …..“ und dann einfach nur schreiben, was zu sehen ist. Wäre doch ganz easy?

Und! Siehe da!

Es gibt wirklich Seiten und Leute, die das sofort umgesetzt hatten. Und das ist für mich ein so unendlich gutes Gefühl, von Anfang an dabei zu sein.

Alle anderen bitte ich, auch an uns zu denken.

Denn hier beginnt Inklusion – bei jedem von Euch. Also Bild = Bildbeschreibung

Gerne möchte ich auch noch für eine wunderbare Gruppe auf Facebook Werbung machen. Sehen für Blinde und Sehbehinderte – ich leihe Dir mein Augenlicht  Hier sind sehende, die für uns Blinde und Sehbehinderte Bilder beschreiben. Hier darf auch gerne jeder mitmachen. Ob mit oder ohne Einschränkung

Wenn du Dokumente erstellst, Webseiten kreierst, oder was auch immer machst, google bitte mal auch gerne „barrierefrei Word support“ oder „barrierefrei .pdf support“ oder „barrierefrei –was auch immer‑ support“.

Was musst Du beachten?

  1. Struktur in einem Dokument und Internetseiten durch Überschriften (Formatierungsfunktion)
  2. Beschriftungen von weiterführenden Links, Schaltflächen und Eingabefeldern von Formularen. So kann ich z.B. nur meinen Namen eingeben, wenn es hier auch heißt, Name bzw. Vorname bitte hier eingeben
  3. Alternativtext für Graphiken (engl. Image), Bilder, Erklärungen usw.. Wenn Bilder nicht beschriftet sind, liest meine Sprachausgabe nur Graphik vor, oder bestens falls die Seite, von der ein Bild geklaut wurde, mit http:/….
  4. Audiodiskription von Videos und Filmen, denn ein Erklär-Film ohne Ton und Text erklärt mir gar nix.
  5. CAPTCHAs in barrierefreier Form.
  6. Du kennst die Eingabe von Buchstaben, die verzerrt dargestellt sind? Genau das geht nicht. Aber es gibt hier eine alternative Lösung mit Audio.
  7. Kontrast von Farben für sehbehinderte Menschen, so ist Dunkelblaue Schrift auf hellblauem Hintergrund ein no-go!

Blind einkaufen, Teil 2

Auf dem Bild bin ich mit Blinden Stock und  Shopper   zu sehen. Neben mir der Obststand im Supermarkt.

Wer nicht sehen kann, muss tasten
Es ist Freitagvormittag. Meine Freundin und ich gehen gemeinsam in den Supermarkt meines Vertrauens. Während sie kurz abgelenkt ist, stehe ich vor den Nektarinen. Das weiß ich aber erst nachdem ich vorsichtig die Hand auf das Abgepackte Päckchen gelegt habe. Okay, ich habe meine Information und möchte weiter tasten. Schließlich brauche ich noch einiges an Obst und Gemüse. In diesem Moment spüre ich einen Schlag auf meine rechte Hand. Während ich noch überlege woher das kommt, motzt mich eine Frau an. Sie wirft mir vor das Obst zu zerquetschen. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären, dass ich blind bin und tasten muss. Sie ist so in Fahrt, dass meine Erklärung sie nicht erreicht. Als sie dann „Sauerei“ durch den Supermarkt ruft, rate ich ihr sich doch zu beschweren. Das hat sie offensichtlich nicht getan. Denn als ich das Problem an der Kasse anspreche, weiß der Mitarbeiter nichts davon.

Am selben Tag, 30.08.2016 um 12:26, poste ich in Facebook folgenden Status: Ich möchte mich auf diesem Wege bei der Dame bedanken, die mir heute in der Zeit zwischen 10:15 Uhr und 10:30 Uhr im netto Markendiscount auf die Finger gehauen hat. Sie meinte mich auf diese Art und Weise davon abzuhalten die Nektarinen, die ich kurz ertastet hatte, zu zerdrücken. Es war ihr nicht klar zu machen, dass ich als blinder Mensch nur durch Tasten fühlen kann was da ist.
Ich wünsche dieser Frau, dass sie niemals in eine Situation gerät, in der sie wie ich mehr Tasten als sehen kann. Und wenn doch, dann wünsche ich ihr, dass sie verständnisvolleren Zeitgenossen begegnet. Da ich nicht weiß wie diese Frau aussieht, habe ich keine Chance ihr das jemals selbst sagen zu können. Schade eigentlich. Aber vielleicht war jemand während dieser Zeit im netto und hat das ganze irgendwie mitbekommen.

In einer regionalen Facebookgruppe entfacht das eine rege Diskussion. Der Großteil der Leser verurteilt das Verhalten der Schlägerin. Es gibt jedoch auch Stimmen, welche diesen Übergriff rechtfertigen. Schließlich sei ihr möglicherweise meine Sehbehinderung entgangen. Ich wusste bisher nicht, dass man in unserem Rechtsstaat einem anderen auf die Finger hauen darf, um dessen vermeintliche Verfehlung zu ahnden. Ein User stellt mich als notorische Motzbacke dar, da ich mir mal nicht beim Aussteigen aus einem Bus helfen ließ. Dies nutzt eine weitere Userin, die zu wissen glaubt, dass Menschen mit Behinderung generell unhöflich auf Hilfsangebote reagieren. Für beinahe 48 Stunden wurden die meisten Klischees bedient. Ich bin mal wieder entsetzt. Und so beschließe ich diesen Beitrag zu schreiben.

Die Schlägerin hat Glück gehabt, dass ich sie nicht beschreiben kann. Sonst hätte ich den Vorfall angezeigt. Schade eigentlich. Denn so etwas habe ich schon einmal erleben müssen. Und ich schließe nicht aus, dass es sich um dieselbe Person handelt, da die Stimmen sich ähnlich waren.

In einem Supermarkt oder Kaufhaus orientiere ich mich zunächst einmal mit meinem Sehrest von ca. 2 Prozent. Wie gut das geht hängt von den jeweiligen Lichtverhältnissen ab. Ich kann Wege, Gänge, Regale oder Tische mit Auslagen erkennen. Ich kann auch noch sehen ob große Gegenstände darin stehen oder liegen. Die Details sehe ich nicht mehr. Dazu muss ich tasten. Meist reicht ein vorsichtiges Anfassen, um zu erkennen welchen Inhalt das Regal oder der Tisch hat.

Das beste Beispiel hierfür ist Obst und Gemüse. Hier brauche ich kaum fremde Hilfe. Einmal kurz hinfassen, und ich weiß sofort ob ich hier Äpfel, Nektarinen oder Birnen vor mir habe. Ich muss auch nicht auf das Obst oder Gemüse draufdrücken, um zu erkennen wie reif es ist, oder ob es möglicherweise nicht mehr gut ist. Auch das kann ich erfühlen und oder auch riechen. Reifes Obst oder Gemüse riecht nun einmal anders als Unreifes.

Wenn ich sage, dass ich mir die Inhalte durch Ertasten erschließe, dann meine ich damit die Inhalte von frei zugänglichen Regalen und Verkaufstischen. Ich würde nie auf die Idee kommen hinter eine Fleischtheke zu greifen. Das ist auch nicht nötig. Schließlich gibt es da Bedienung. Was ich auch nicht mache ist mir Berliner, Donads oder so aus der Bäckertheke Selbst rauszunehmen. Das Hantieren mit dem dafür vorgesehenen Löffel empfinde ich als anstrengend. Hier nehme ich gern Hilfe an.

Kommen wir zu dem zweiten ähnlichen Erlebnis, dass ich vor Jahren hatte. Auch hier hatte ich keine Chance.

Es ist mitten im ‚Sommer. Ich komme gerade von der Arbeit und springe eben noch mal in den Supermarkt, um noch einige Besorgungen zu machen. Anschließend stehe ich an der Kasse an. Ich habe alles ausgeräumt. Da ich nicht hören oder sehen kann wie weit das Förderband inzwischen gefahren ist, greife ich vorsichtig von oben drauf, um zu ertasten ob das noch mein Einkauf ist, oder bereits der vom nächsten, der hier ansteht. Bevor ich mit der Hand auf dem Band landen kann, schlägt mir jemand von oben richtig fest auf die Hand. Ich bin bitter erschrocken. Als ich mich mit einem lauten Autsch beschwere, meint die Verursacherin, dass ich ihre Pflaumen zerquetschen würde. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären warum ich die Hand eben da hatte. Gehör finde ich jedoch nicht. Sie zahlt ihre Pflaumen und geht. Die Verkäuferin an der Kasse reagiert nicht. Ich schreibe es der Tatsache zu, dass sie mit Kassieren abgelenkt war. Und was soll sie auch tun? Die Schlägerin hat den Laden bereits verlassen. Und ich weiß nicht einmal wie sie aussieht.

Und jetzt noch mal für diejenigen, die mit so einer Person sympathisieren. Es ist nicht Sache eines Kunden einen anderen von etwas abzuhalten. Wenn, dann ist das Sache der Kassierer oder anderer Angestellten. Dort darf man sich beschweren. Diese, und nur diese, entscheiden darüber was zu tun ist. Also, selbst wenn ich die Lebensmittel bis zur Unkenntlichkeit zerquetschen würde, hat keiner das Recht mich körperlich anzugreifen. Auch nicht die Damen und Herren der alten Schule, die meine Körperliche Züchtigung sei noch immer das Mittel der Wahl.