Wie erkennen Blinde Geld?

Hier stelle ich verschiedene Möglichkeiten vor, wie blinde Menschen Geldscheine und Geldmünzen erkennen.

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Auf dem Foto bin ich in einem Fachgeschäft für Handarbeit zu sehen. Ich habemeine linke Hand über den Ladentisch gestreckt, und jemand legt mir Wechselgeld hinein. Den Blindenstock habe ich unter den rechten Arm geklemmt.

Ich bin leidenschaftliche Strickerin. Dabei kann ich mich entspannen, besser konzentrieren oder einfach nur die Hände beschäftigt halten. Und wenn ich dann im Handarbeitsladen meines Vertrauens gehen und mir Anregungen holen kann, dann ist der Tag gerettet. Da ich nicht wie ein normal sehender in einer Zeitschrift für Handarbeit schmökern kann, liebe ich es mit der Ladeninhaberin zu quatschen, mir Anregungen zu holen oder mir anzusehen was sie gerade in Arbeit hat.

Eigentlich hatte ich heute nicht vor etwas Neues zukaufen, bevor ich die Wolle aus meinem strickkorb verarbeitet habe. Aber die Wolle hier ist einfach zu schön. Die muss ich mitnehmen. Also Den Geldbeutel aus der Tasche geholt, und das Geld über den Tisch geschoben.

Aber halt, blind bezahlen? Wie geht das? Das ist eine Frage, die ich hin und wieder gestellt bekomme. Ja, das geht. Und sogar ohne fremde Hilfe. Ich kontrolliere selbst welches Geld ich meinem gegenüber gebe, und wieviel Wechselgeld ich zurückbekommen habe. Und das geht so:

Das Foto zeigt einen Geldscheinprüfer mit einem 20 € Schein in meiner Hand. Der Geldschein ist im Cashtest eingespannt.

Eurobanknoten haben unterschiedliche Längen. Daran kann man sie auseinanderhalten. Jemand, der richtig Übung hat, kriegt das weitgehend auch ohne Hilfsmittel hin. Ich selbst nutze einen Cashtest. Das ist eine Schablone, in die der Geldschein eingespannt wird. Diese Schablone ist mit Zahlen in Braille versehen, so dass ich anhand der Länge ablesen kann welchen Geldschein ich jetzt in Händen halte. Dieser kleine Helfer aus Kunststoff hat etwa die Größe einer Checkkarte und ist etwa dreimal so dick.

Das geht nicht so schnell wie bei einem normal sehenden, der einfach auf den Geldschein schaut und mit einem Blick erfasst was er gerade in der Hand hält. Bei mir dauert das ein paar Sekunden länger. Um das Bezahlen zu beschleunigen, sortiere ich meine Geldscheine im Portmonee vor. Das erleichtert mir die Suche, gerade wenn viel im Supermarkt los ist.

Ich werde oft danach gefragt, ob sich nicht auch Beschriftungen auf den Geldscheinen befinden. Nein, tun sie nicht. Es gab zu Zeiten der DM einen Versuch die Banknoten mit fühlbaren Zeichen zu versehen. Allerdings hat sich dies nicht bewährt. Geldscheine sind viel in Umlauf, werden auch schon mal durch die Hand gequetscht oder landen auch mal in der Waschmaschine. Spätestens nach der buchstäblichen Geldwäsche sind diese Kennzeichnungen nicht mehr zuverlässig fühlbar. Daher wurde sehr schnell Abstand davon genommen. Da auch bei der DM die Scheine unterschiedliche Längen haben, wurde der Cashtest entwickelt und hat sich bestens bewährt. Grund genug also, um ihn für den Euro weiterzuverwenden.

Einfacher finde ich es Geldmünzen zu unterscheiden. Hier orientiere ich mich an der Beschaffenheit der Ränder. Diese sind unterschiedlich. Wenn man also ein 20 Cent, 50 Cent und eine 1 € Münze nebeneinander legt, sieht man den Unterschied sofort. Und ich kann ihn eben erfühlen.

Auf dem Bild ist eine 20 Cent und eine 50 Cent Münze in meiner Hand zu sehen. Der Focus liegt auf den Rändern.

Als der Euro kam, habe ich mir einen Münzsortierer zugelegt. Dieser hat mir die ersten Gehversuche mit dem Euro erleichtert. Allerdings kam irgendwann der Tag, an welchem mir die Handhabung zu langsam ging. Und so verzichtete ich irgendwann ganz darauf. Ich kenne andere Blinde, die mit so einem Hilfsmittel gern arbeiten. Das ist wie beim Braten. Der eine nimmt den Pfannenwender, ein anderer lieber einen Kochlöffel. Und beides führt zum selben Ergebnis.

Um einen Geldschein zu überprüfen brauche ich beide Hände. Daher mag ich es am liebsten, wenn ich Wechselgeld getrennt zurückbekomme. Also erst die Scheine, dann die Münzen und anschließend den Kassenbong. Oft bekomme ich das alles zusammen in die Hand geklatscht. In solchen Momenten wünsche ich mir eine dritte Hand zum gleichzeitigen Geld festhalten und erkennen. Gerade wenn es schnell gehen muss. Wobei ich im Supermarkt meines Vertrauens auf das genaue Überprüfen des Geldes verzichte. Es gibt aber auch Kassierer, die mir sagen was sie mir zurückgeben. Ich finde das gut, da ich so einen schnellen Überblick über die Stückelung der Scheine bekomme.

Größere Beträge zahle ich meist mit Karte. Ich mag nicht so viel Geld mit mir herumtragen. Und dann liebe ich mir besonders die Automaten, welche noch fühlbare Tasten haben. Die älteren Automaten haben noch so richtig griffige Tasten, bei denen man fühlt ob die Taste wirklich gedrückt wurde.

Geld abheben am Geldautomaten ist auch manchmal ein echtes Abenteuer. Denn die Anweisungen kommen über den Bildschirm, den ich nicht verfolgen kann. Meine Hausbank hat einen ihrer Automaten mit einer Sprachausgabe ausgerüstet. D.h., dass ich mir einen Kopfhörer oder Headset mitbringe und einstöpsle. Ich bekomme dann über eine Sprachausgabe meine Anweisungen direkt ins Ohr. Sicherheitsrelevante Daten wie Pin werden nicht laut vorgelesen. Damit kann ich ohne fremde Hilfe den gewünschten Geld betrag auswählen. Was noch nicht gut ist, dass ich die Stückelung festlegen kann. Aber vielleicht kommt das irgendwann noch mal. Bis jetzt lasse ich mir von den Mitarbeitern helfen, wenn ich etwas anderes als die übliche Stückelung brauche, oder hebe auch schon mal Bargeld im Supermarkt ab. Da kann ich den Mitarbeitern mitteilen was ich möchte.

Kommen wir zum Thema Helfen. Manchmal will mir mein Gegenüber das Wechselgeld direkt ins Portmonee tun. Das möchte ich nicht. Ein Portmonee ist etwas sehr persönliches. Außerdem habe ich hier meine eigene Ordnung. Daher lehne ich dieses gut gemeinte Hilfsangebot grundsätzlich ab. Erst recht, wenn ich die Person nicht kenne. Es gibt nur wenige Menschen, die an mein Portmonee dürfen. Es reicht völlig aus mir Wechselgeld in die Hand zu geben.
Bin ich mit sehender Begleitung unterwegs, so erlebe ich es hin und wieder, dass mein Gegenüber mit dieser kommuniziert, anstatt mit mir. Ich erinnere mich da an eine Geschichte vor ein paar Jahren. Ich brauchte ein neues Uhrenarmband. Unterwegs war ich mit einem sehenden Freund. Im Laden unserer Wahl sagte ich meinem Freund, dass er das Design aussuchen dürfe und ich das Material. Wir wurden fündig, und ich gab dem Verkäufer einen Geldschein. Dieser schaute unentwegt meinen Freund an und wollte ihm auch das Wechselgeld geben. Er hat jedenfalls ziemlich gestaunt, dass mein Begleiter ihm zu verstehen gab, dass ich die Käuferin bin und also auch das Wechselgeld bekomme.

Ich möchte mich bei Volkhard Sobota für die Erstellung der in diesem Beitrag verwendeten Fotos bedanken. Bei ihm liegen auch die Urheberrechte.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

9 Kommentare zu „Wie erkennen Blinde Geld?“

  1. Danke für Deinen Text! Eine Sache stimmt nicht ganz: Die neuen EURO-Scheine, die seit einiger Zeit ausgegeben werden, haben Tastmarkierungen am Rand. Beim 5-EURO-Schein eine durchgehende Riffelung, beim 10-EURO-Schein eine einmal unterbrochene Riffelung und beim 20-EURO-Schein eine zweimal unterbrochene Riffelung. Auch der im kommenden Jahr neu herauskommende 50er soll eine Markierung bekommen. Bisher ist meine Erfahrung, dass man diese Markierungen gut nutzen kann.

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  2. Hallo Lydia!! Herzlichen Dank für Deine sehr interessanten Berichte. Ich finde es total spannend und interessant, wie Ihr Blinden das so macht. Ich meine damit, wie Ihr im Alltag so zu Recht kommt. Auch die Hinweise wie man Euch helfen kann, finde ich sehr gut. Ich freue mich auf noch sehr viele Berichte von Dir. Ich wünsche Dir schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!!

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  3. Hallo,Lydia, das ist sehr interessant und hilfreich. Da ich mehrmals im Monat bei der Bahnhofsmission in Hamburg helfe, kommt es öfter dazu, dass ich Blinden beim Umsteigen helfe. Manche möchten sich ein Brötchen im Bahnhof kaufen. Jetzt weiß ich, worauf es ankommt, wenn es ums Bezahlen geht und das Wechselgeld. Wobei ich nie auf die Idee kommen würde, irgendeinem Menschen – blind oder sehend – ans portemonaie zu fassen.
    Herzlichen Dank
    Ulrike

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