Wie wichtig ist ein sehender Mann?

Das Foto zeigt eine blinde Frau.

Sezen ist blind und Mutter eines Kleinkinds. Ihr Mann ist normal sehend. Heute schreibt sie auf meinem Blog über ihre Erfahrungen mit dieser Familienzusammensetzung.

Der folgende Beitrag, den ich als Gastbeitrag für diesen Blog verfasse, beschäftigt sich mit der Aussage, die ich seit Beginn meiner Ehe und insbesondere als Mutter immer wieder höre.

Ich bin selbst geburtsblind, mein Mann und mein 13 Monate alter Sohn sehen.

Bei vielen Gelegenheiten zeigt sich mir, dass es vielen Leuten nicht klar ist, dass der sehende Partner einem zwar bei vielem hilft, jedoch keinen Assistenten ersetzen soll und kann.

Nehmen wir das Beispiel Frühförderung.

Ich beantragte für mich zur Unterstützung bei der Adaption von Büchern in Brailleschrift, sowie für das Aussuchen geeigneter Spielsachen und für vieles mehr, Frühförderung. In Hessen haben blinde Eltern Anspruch darauf, auch mit sehenden Kindern diese Leistung zu erhalten, um präventiv eventuell durch die Blindheit der Eltern auftretende Entwicklungsverzögerungen des Kindes zu erkennen und zu verhindern. Die Frühförderung ist also für mich, nicht für mein Kind.

Bei der Beantragung wurde ich darauf hingewiesen, dass ich aufgrund meines sehenden Partners vielleicht eine Ablehnung erhalten könnte. Die Argumente, dass mein Partner einer Arbeit nachgeht, die ihn durch den Schichtdienst nicht immer zu Hause sein lässt, überzeugten schließlich. Auch kann man meinem Mann nicht die Fachkenntnisse aufbürden und voraussetzen, die eine ausgebildete Pädagogin vorweisen kann.

Diese Argumentation muss ich immer dann anwenden, wenn mich Menschen treffen, die mich fragen, wer bringt dein Kind in die Kita und denen dann die Aussage folgt, dein Mann sieht doch, er kann das ja machen.

Mein Mann ist ein Mensch mit Job, einem Bedürfnis nach eigener Freizeit und geht auch sonst anderen familiären Verpflichtungen nach.

Die reine Tatsache, dass er sehend ist, enthebt mich als Mutter nicht meiner Verpflichtung, dafür zu sorgen, geeignete Lösungen zu finden, damit ich mein Kind in die Kita bringe, an Elterninfos herankomme und vieles mehr. Dazu hole ich mir, wenn ich es mir für angebracht halte, Hilfe.

Außer der Frühförderung nutze ich die Hilfe des Wellcome-Projektes, welches mir eine ehrenamtliche Kraft zur Seite stellt, die beispielsweise mit mir und meinem Sohn spazieren geht, damit auch mein Mann sich mal erholen kann.

Auch wenn mein Mann ein liebender Vater ist und mich nach Kräften unterstützt, so kann man ihm nicht automatisch die Rolle des Vollzeitassistenten aufbürden, was keiner von uns beiden möchte.

Wie arbeitet ein Blinder am Computer, Teil 2

Technik für unterwegs.

Das Foto zeigt mich auf einer Bank in einem Kaffee. Neben mir ist ein Rucksack zu sehen. Auf dem Tisch vor mir stehen ein IPhone und davor eine Tastatur. Daneben eine Tasse Kaffee.

Ich bin mal wieder unterwegs und habe noch eine Stunde Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Nach Hause gehen lohnt sich nicht. Wenn ich da bin, kann ich mich grad wieder auf den Weg machen. Da gefällt mir der Gedanke an das nächste Kaffee besser. Hier bekomme ich mein Lebenselixier in Form eines Cappuccino und kann ein paar wichtige E-Mails auf meinem Smartphone beantworten und Termine bearbeiten. Und wenn noch Zeit bleibt, dann kann ich noch an meinem neuen Artikel arbeiten. Zuhause komme ich ja doch nicht dazu.

Blind, Termin eintragen, Smartphone? Wie passt das zusammen?

Dieselbe Frage habe ich mir früher auch einmal gestellt. Damals benutzte ich erst eine Schreibtafel für Braille, später einen handelsüblichen Walkman mit Diktierfunktion. Diese großen Geräte wurden irgendwann durch einen sprechenden Organizer für Blinde abgelöst. Bis dahin dachte ich, dass Smartphones durch Blinde nicht bedienbar seien. Das änderte sich dann, als mir ein ebenfalls blinder Freund sein IPhone vorführte. Mein erstes IPhone zog 2012 bei mir ein. Und zunächst einmal lag es einige Wochen rum, bis ich mich traute mehr damit zu machen. Heute möchte ich es nicht mehr missen.

Seit ich mein IPhone habe, trage ich viele kleine Alltagshelfer in einem Gerät mit mir herum. Das ist dadurch möglich, dass die Modelle ab dem IPhone 3gs eine Bedienungshilfe namens Voiceover integriert haben, die blinde Nutzer optional einschalten können. Dadurch wird der Bildschirminhalt per Sprache vorgelesen. Der Hersteller hat mit Voiceover eine ganze Menge an Gesten geschaffen, die Blinde mit Hilfe eines oder mehrerer Finger ausführen können, und die die Bedienung des Smartphone möglich machen.

Ich selbst habe noch einen kleinen Sehrest, mit dessen Hilfe ich mich grob auf dem Bildschirm orientieren kann. Am liebsten stelle ich mir dazu helle Schrift auf dunklem Hintergrund ein. Das blendet mich nicht so wie die ursprünglichen Farben auf dem Smartphone.

Kurze Eingaben wie Termine oder Notizen diktiere ich meinem IPhone. Das geschieht oft einfach aus Faulheit und geht für mich am schnellsten. Voraussetzung dafür ist, dass ich Internet zur Verfügung habe. Ohne Internet gebe ich meinen Termin mit der virtuellen Tastatur auf dem Bildschirm ein. Für eine kurze Notiz oder einen Termin ist das ausreichend. Die Sprachausgabe spricht das Geschriebene aus, so dass ich sofort merke, wenn ich mich vertippt habe, oder das IPhone mir irgendeine Meldung auf dem Bildschirm ausgibt.

Eine andere Möglichkeit ist die Eingabe per Brailleschrift in das IPhone. Mit Hilfe einer Anwendung namens Braille kann ich die Fläche auf dem Display in eine Brailletastatur verwandeln. Und das sieht so aus.

brailletastutur-iphone

Auf dem Foto ist ein Screenshot einer Brailletastatur des IPhone abgebildet.

Ich selbst arbeite nur selten damit. Daher fehlt mir ein bisschen die Übung, um effektiv damit arbeiten zu können. Jemand, der darin geübt ist, schreibt auf dieser Tastatur schneller als ein normalsehender Nutzer.

Auch wenn mir die Sprachausgabe alles Geschriebene vorliest, habe ich in manchen Situationen gerne die Schrift buchstäblich unter den Fingern. Denn manche Fehler kann man auch durch das gesprochene Wort nicht richtig heraushören. Hier ein Beispiel, dass ich nicht sofort raushole. „Ich sage etwas in zwei Sätzen“. Hier würde ich nicht raushören, wenn das Wort „Sätzen“ durch das Wort „setzen“ ersetzt würde. Beim Diktieren passieren solche Fehler schon mal. Mit der Sprachausgabe würde ich jetzt Wort für Wort durchgehen und mir die verdächtigen Wörter buchstabieren lassen. Ich finde das zu zeitaufwändig. Bequemer ist es, wenn ich eine Braillezeile an das Smartphone koppeln und damit die verdächtigen Stellen direkt anspringen kann. Dann habe ich das ganze Wort unter dem Finger und bin einfach schneller beim Korrigieren.

14-stellige-braillezeile

Auf dem Foto ist eine 14stellige Braillezeile abgebildet, die nicht nur eine Lesefunktion hat, sondern auch Tasten, mit deren Hilfe ich Braille schreiben kann. Außerdem hat mein Gerät noch weitere kleinere Funktionen, die es möglich machen das IPhone beim Schreiben in meiner Handtasche zu lassen. Das ist besonders von Vorteil, wenn ich wenig Platz um mich habe. Da reicht es die Braillezeile auf den Schoß zu nehmen oder sie umgehängt zu benutzen.

Beim Eingeben von Brailleschrift bevorzuge ich ein externes gerät, da ich mich damit sicherer fühle. Ergänzend dazu nutze ich ein Bluetooth gebundenes Headset, das mir parallel dazu den Text vorliest. Die Sprachgeschwindigkeit stelle ich schneller ein, um einen Text schneller zu erfassen. Das was sich für einen ungeübten Nutzer wie mittelschweres Kauderwelsch anhört sind für mich ganz normale Sätze. Ich finde es anstrengender mir etwas von Voiceover in normaler Sprechgeschwindigkeit vorlesen zu lassen.

Wenn es um Ausdauer und Geschwindigkeit geht, dann fühle ich mich auf der Computertastatur zuhause. Gerade für längere Texte finde ich sie einfach komfortabler. Und so war ich absolut happy, als ich bei einem anderen Blinden das IPad mini in einer Hülle mit integrierter Tastatur gesehen habe. Das wollte ich auch, da es mit meinem Laptop große Ähnlichkeit hatte. Tja, und so zog irgendwann ein IPad mini 3 bei mir ein. Nur mit den dazu gehörigen Tastaturen war ich nie so richtig glücklich. Entweder waren sie mir doch zu klein, um schnell und fehlerfrei darauf schreiben zu können, oder das Tastaturlayout entsprach nicht meinen Vorstellungen. Daher testete ich einige Tastaturen, bis ich das Model gefunden habe, welches groß genug zum sicheren und bequemen Schreiben ist, und dennoch wenig Platz im Rucksack oder in der Handtasche wegnimmt.

ipad-und-tastatur

Auf dem Foto ist mein IPad Mini zu sehen. Es steckt aufrecht in einer Halterung. Davor befindet sich eine Tastatur, die etwas breiter als das Gerät selbst ist. Diese Konstellation erlaubt es mir bei gutem Licht auf den Bildschirm zu schauen, da ich diesen gern für die grobe Orientierung nutze. Und sollte wenig Platz zum Ablegen der Tastatur vorhanden sein, dann kann ich sie problemlos auf den Schoß nehmen.

Zu dieser Ausstattung gibt es noch einige Kleinigkeiten, die für mich sehr wichtig sind. Die Halterung lässt sich zusammenklappen und nimmt so nur wenig Platz weg. Ich muss das IPad Mini nicht aus seiner Hülle nehmen, sondern kann beides in die Halterung stellen. Das Case ist wichtig, wenn ich das IPad in der Handtasche oder Rucksack zwischen Einkäufen und anderen Utensilien transportiere. Und ebenso wichtig ist für mich eine Tastatur, die ich mit einem Schieberegler ein- und ausschalten kann. Ein leicht zu drückender Knopf wäre keine gute Idee, da dieser sich möglicherweise in der Tasche verselbständigen könnte. Meine Tastatur ist so, dass sie sich nach dem Einschalten mit dem zuletzt verwendeten Gerät verbindet. Das spart Zeit. Und wenn ich das IPad nicht mitnehmen möchte, dann kann ich sie auch mal mit dem IPhone verbinden.

Fazit, Geräte, die ich unterwegs nutze, müssen leicht, klein, robust und gleichzeitig schnell verfügbar sein. Sonst lohnt sich für mich der Aufwand nicht.

Es ist gut, dass es einige Möglichkeiten für unseren Personenkreis gibt, unter denen wir wählen können wie wir arbeiten. Denn was sich für mich gut und richtig anfühlt, ist noch lange nicht richtig für alle anderen Blinden und Sehbehinderten. Stellt Euch mal vor, es gäbe nur einen bestimmten Staubsauger auf dem Markt. Während sich einige damit zufrieden geben würden, wäre der Rest absolut unglücklich, weil er mit dem Modell nicht zurechtkommt. Und so in etwa verhält es sich mit technischem Equipment, welches Blinde nutzen.

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 5

Schriftliche Mitteilungen und Aushänge.

 

Es ist mal wieder Elternabend im Kindergarten. Nachdem die Vorstellungsrunde abgehakt ist, melde ich mich zu Wort. Ich habe heute was ganz besonderes auf dem Herzen. Nämlich, dass wichtige Sachen den Eltern nur noch per Aushang mitgeteilt werden. Ich fand schon die Elternpost nicht besonders prickelnd, konnte aber gezielt nachfragen, wenn ich einen Zettel im Fach meines Kindes gefunden habe. Jetzt gibt es diese Zettel nicht mehr und ich brauche eine Lösung, um an die Elterninformationen zu kommen. Das Einfachste wäre, die bereits am Computer erstellten Infos per E-Mail an mich weiterzuleiten, ,aber das hat in der Vergangenheit nicht funktioniert. Also frage ich mal spontan in die Elternrunde, wer von den anderen Eltern so nett sein könnte, mir bei der Informationsbeschaffung zu helfen. Diese könnte per E-Mail oder telefonisch erfolgen.

 

Zunächst einmal wird es still im Raum. Dann beginnen ein paar Eltern nachzufragen, ob die Erzieher mir die Infos nicht separat geben können. Bevor eine Lösung gefunden werden kann, blockt eine Mitarbeiterin des Kindergartens die Diskussion ab. Schließlich könne ich ja nachfragen, ob es Informationen für mich gäbe. Okay, das wird hier nichts. Wenn ich mein Kind abhole, ist es meist ziemlich turbulent, so dass die Erzieher nicht so viel Zeit haben mich gesondert zu informieren. Wenn ich anrufe, ist der Zeitpunkt meist unpassend. Aber mich darauf zu verlassen, dass ich über wichtige Dinge informiert werde, das hat bereits in der Vergangenheit nicht geklappt. Und mein Arbeitgeber ist bestimmt nicht begeistert, wenn ich ihn früh morgens anrufe und darüber informiere, dass die Kita kurzfristig geschlossen hat und ich das nicht vorher wusste.

 

Gut, letztendlich haben mir ein paar Eltern später die eine oder andere Information per E-Mail gegeben. Somit hat sich das Fettnäpfchenwetthüpfen im Kindergarten ausgezahlt.

 

Es heißt „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare“. Besonders ist mir das aufgefallen, seit meine Kinder Kindergärten und Schulen besuchen. Angefangen bei Elternbriefen, über Einverständniserklärung zum Besuch eines Museums bis zur Elternbefragung war so ziemlich alles dabei. Damals hatte ich noch kein Vorlesesystem oder Smartphone, welches mir bei der Bewältigung helfen konnte. Für mich hieß das, dass ich auf die Hilfe einer sehenden Person angewiesen war.

 

In der Grundschule kamen dann noch die handschriftlichen Mitteilungen in das Elternheft, die mir kein Vorlesegerät hätte zugänglich machen können. Zusätzlich noch lose Blätter aus der Schule oder Hort. Und wenn man Kinder hat, die die Ordnung nicht gerade als ihren besten Freund betrachten, dann wird es spannend. Manchmal schickte mir die Mitarbeiterin aus dem Sekretariat eine E-Mail, aber in der Regel funktionierte das nicht.

 

Meine Tochter besuchte die dritte Klasse, als ich auf einem Elternabend fragte, wer mir von den Eltern hin und wieder mit der Informationsbeschaffung helfen könnte. Darauf meinte die Lehrerin vor versammelter Elternschaft, dass ich doch eine Betreuerin habe und die könnte sich darum kümmern. Sie meinte wohl die Dame, die mich einige Wochen zuvor zum Elterngespräch begleitet hatte. Damals ging es darum meine Tochter bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Das konnte ich nicht so im Raum stehen lassen. Ich erklärte ihr, dass besagte Dame eine von mir bezahlte Nachhilfe sei. Es endete damit, dass zwei Eltern mich während der nächsten zwei Jahre zuverlässig mit wichtigen Informationen versorgten. Also eine Sorge weniger.

 

Als meine Tochter auf die weiterführende Schule kam, habe ich vor Ende der Sommerferien mit dem Klassenlehrer gesprochen. Und solange er ihr Klassenlehrer war, versorgte er mich mit dem Inhalt sämtlicher Elternbriefe und Informationen, die elektronisch zu ihm kamen. Das war Luxus pur. Erst recht, da ich nun nicht abhängig davon war, dass mein Kind daran dachte mir die Elternbriefe zu geben. Endlich sagte mal niemand zu mir, dass die Kinder selbst dran denken müssen, sondern handelte in meinem Sinne.

 

Überhaupt bekam ich viele Infos per E-Mail zugeschickt. Ich musste nur erklären, dass ich sie brauchte, und warum. Ich sagte also bei jedem Mitarbeiter oder Lehrer mein Sprüchlein auf, und gut. Die Wenigsten gaben so Sprüche von sich wie „Ihr Mann ist doch sehend“.

 

E-Mail war für mich die einfachste Möglichkeit auch mit den Fachlehrern meiner Kinder in Kontakt zu treten, Termine zu vereinbaren oder meiner Tätigkeit im Elternbeirat nachzugehen. Eine E-Mail schreibe ich dann, wenn ich gerade Zeit habe. Der Empfänger liest und bearbeitet sie, wenn er die Zeit dazu hat.

 

Manchmal fragte mich eine Lehrkraft, ob ich mir die Schrift nicht vergrößern könnte. Aber das bringt bei mir nicht viel, außer dass es anstrengend für meine Augen ist und sehr langsam geht. Und Formulare kann ich damit erst recht nicht ausfüllen. Ich habe zwar mal gelernt mit der Hand zu schreiben, nutze es aber höchst selten. Wenn ich jemandem etwas schriftlich mitteilen möchte, passiert dies als E-Mail. Und wenn das nicht möglich ist, schreibe ich meinen Text auf dem PC und drucke ihn aus.

 

Noch mal zusammengefasst: Handschriftliche Mitteilungen sind ohne guten Sehrest nicht lesbar. Auch nicht mit elektronischen Hilfsmitteln. Fließtext, wie in diesem Beitrag hier, lässt sich sehr gut mit Hilfe eines elektronischen Vorlesegerätes vorlesen, wenn er in Papier vorliegt. Kommt er in elektronischer Form, dann spart man sich den Umweg über das Einscannen mit anschließender Texterkennung, denn die kostet Zeit.

 

Kommen wir zu den viel geliebten Formularen. Ich habe noch keines, dass von einer Schule kam, je selbst ausgefüllt, denn die kommen in der Regel per Ranzenpost. Hier habe ich früher eine Assistenz bezahlt, die das mit mir zusammen tat. Inzwischen sind meine Kinder alt genug, um sich selbst darum zu kümmern. Mein Beitrag beschränkt sich nur noch auf das gemeinsame Durchgehen und anschließendem Unterschreiben. Ganz wichtig: sie sollen hier nicht meine Blindheit kompensieren. Vielmehr finde ich, dass auch solche Tätigkeiten zum Erwachsenwerden dazugehören. Jetzt kann ich sie noch begleiten und ihnen dabei helfen. Doch irgendwann brauchen sie meine Hilfe nicht mehr und das empfinde ich als sehr beruhigend.

Was heißt Schnee für einen Blinden

Das Bild zeigt mich mit Blindenstock und dunkler Brille auf einem Bürgersteig.

 

„Mama, es hat geschneit“. Mit diesem oder einem ähnlichen Satz bin ich schon so manches Mal morgens geweckt worden. Und während meine Kinder sich über die weiße Pracht freuen und überlegen wo sie ohne größeren Aufwand Schlitten fahren können, machen sich gemischte Gefühle in mir breit.

 

Warum ist das so? Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Diese Zahl ist ein Richtwert, der zunächst einmal nichts weiter besagt, als dass ich dem Gesetz nach als blind gelte. Blindsein mit geringem Sehrest wirkt sich bei jedem unterschiedlich aus. Das ist abhängig von der Augenerkrankung.

 

Bei mir ist es so, dass ich stark auf Kontraste reagiere. Steht also ein dunkler Computer auf einem hellen Schreibtisch, kann ich diesen aus mehreren Metern Entfernung ausmachen. Stände dort ein heller Computer, würde ich ihn nur aus nächster Nähe erkennen können. Und wenn er in einem Lichtdurchfluteten Raum steht, dann sehe ich ihn gar nicht mehr.

 

Auf der Straße ist das noch ein bisschen extremer. Bei Sonnenlicht sehe ich Bürgersteige nur dann, wenn das Licht nicht direkt darauf fällt. Laufe ich gegen die Sonne, dann kann ich Bürgersteig und Straße nicht mehr optisch voneinander unterscheiden. Hier ist dann der weiße Blindenstock mein bester Freund.

 

Mit dem Stock kann ich fühlen ob der Weg, auf dem ich gerade laufe, unterschiedlich beschaffen ist. Kies, Kopfsteinpflaster oder beton lassen sich sehr gut ausmachen. Außerdem fühle ich, wenn es abwärts geht. Das ist vor allem wichtig, um auf dem Bürgersteig zu bleiben und nicht auf die Straße zu driften. Aus diesem Grund ist für mich wichtig, dass der Übergang vom Bürgersteig zu Straße hin fühlbar ist, also möglichst einen Höhenunterschied von 3 cm aufweist. Nullabsenkungen zur Straße hin können für blinde Verkehrsteilnehmer buchstäblich auf der Straße enden.

 

Im Schnee fühlt sich der Boden anders an. Da der Boden auch schon mal gefroren sein kann, gehe ich automatisch langsamer. Mit der Stockspitze kann ich zwar ertasten ob der Boden glatt ist, nicht aber wie weit ich von der Straße weg bin. Da ist Intuition und langjährige Erfahrung meine besten Freunde. Mein Sehrest hilft mir hier nur bedingt, da der Schnee das Licht reflektiert. Das macht alles wesentlich heller für mich. Ist der Bürgersteig geräumt, kann ich mich an dem Schnee links oder rechts davon orientieren. Alles andere passiert durch den Stock. Was ich überhaupt nicht mag ist durch Matsch zu laufen, der durch Streusalz entsteht. Mit dem Stock kann ich nicht richtig einschätzen wie tief das Ganze ist. Ich habe mir dadurch schon so manches Mal nasse Füße geholt. Es lebe also vernünftiges Schuhwerk.

 


Dieses Bild zeigt mich mit Blindenstock und dunkler Brille, während ich auf Schnee laufe.

 

Ist der Schnee etwas höher, und auch nichts geräumt, dann empfinde ich das Draußen sein als stressig. Mit dem Stock wird es schwierig den Untergrund zu erfühlen. Außerdem verändert Schnee die Geräusche. Autos hören sich gedämpfter an. Und Menschen, die mir entgegenkommen, höre ich nur dann, wenn der Schnee unter ihren Füßen zu knirschen beginnt. Das wirkt sich auf die Orientierung aus. Ich selbst meide dann Wege, die ich überhaupt nicht kenne, oder nutze gern öffentliche Verkehrsmittel. Denn da muss ich nicht jeden Schritt einzeln abtasten. Und ich finde, dass es auch Zeiten geben darf, wo man sich ein bisschen Bequemlichkeit zugestehen darf. Somit laufe ich bei so einem Wetter nur dann lange Strecken, wenn es unbedingt sein muss. Und ich glaube, dass ich mich da mit vielen normal sehenden in guter Gesellschaft befinde.

Mit Bus und Bahn zum Bloggertreffen

Das Foto zeigt mich in einer Straßenbahn. Ich habe eine schwarze Winterjacke an, und den Blindenstock in der rechten Hand. Der Blick ist aus dem Fenster gerichtet.

Schon oft hatte ich von Blloggertreffen gehört. Aber wirklich etwas darunter vorstellen konnte ich mir nichts. Außer dass sich Blogger treffen. Dennoch fand ich die Idee spannend sich mit anderen auszutauschen. Doch die meisten Bloggertreffen, von denen ich gehört hatte, waren zu weit weg. Und eben mal drei Stunden einfache Wegstrecke zu einem Bloggertreffen zu fahren? Nein, nicht wirklich.

Vor ein paar ‚Wochen stolperte ich auf ein Posting von Matthias Grün, der anfragte ob Interesse da sei sich in Frankfurt zu treffen. Ich fand die Idee echt gut und trug mir den Termin, der recht bald feststand, gleich mal in meinen digitalen IPhonekalender ein. Meinen Kalender führe ich auf meinem IPhone. Es hat eine sprechende Bedienungshilfe, so dass ich jederzeit und überall darauf zugreifen kann. Das IPhone liest mir den Eintrag mit Hilfe einer synthetischen Stimme vor.

Etwa drei Tage vor dem Treffen machte ich mir so langsam Gedanken. Für mich stellte sich die Frage wo das Lokal ist, und wie ich dort hinkomme. Also fragte ich mal in der Facebookgruppe nach ob jemand sich mit mir an der nächstliegenden Bus- oder Bahnhaltestelle treffen mag, und wir gemeinsam hingehen könnten. Erst mal Fehlanzeige. Dafür bekam ich aber eine ungefähre Erklärung, nämlich die Straßenbahnhaltestelle und den Tipp mich dann zu melden. Irgendwer würde mich einsammeln kommen. Denn das Lokal sei nicht weit weg.

Bis etwa zwei Stunden vor dem Treffen diskutierte ich mit meinem inneren schweinehund ob ich mir das wirklich geben wollte. Ich hatte sogar einen Freund gefragt, ob er mich mit dem Auto fahren könnte. Aber das ging heute mal nicht. Also stieg ich um 18:00 Uhr in den Bus in Richtung Frankfurt Süd. Nebenbei suchte ich in Blindsquare, das ist eine Navigationshilfe für Blinde, das Lokal raus. Und weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, ließ ich das Programm auf der Fahrt mitlaufen, so dass ich sämtliche Kreuzungen und Bewegungsdaten angesagt bekam.

Am Südbahnhof hielt der Bus ziemlich weit vorne. Da ich auch vorne ausstieg, kam ich erst mal zwischen einem Poller und einem ziemlich ungünstig platzierten Fahrradständer zum Stehen. Und wieder einmal stellte ich mir die Frage warum der Bus jetzt so weit vorne halten muss. Anschließend ging ich die beiden Stockwerke zur U-Bahn runter. Ich laufe lieber Treppen, auch wenn viele normal sehende denken ich brauche eine Rolltreppe oder Aufzug. Es schadet mir ganz sicher nicht mich zu bewegen. Und Aufzüge mag ich nur dann, wenn sie sprechen oder es sich nicht vermeiden lässt.

Ich wollte zum Willy-Brandt-Platz. Daher brauchte ich nicht darauf zu achten in welche Bahn ich stieg. Die halten alle dort. In der Bahn ist die Beleuchtung so, dass ich mit meinem Sehrest erkennen kann ob Plätze frei oder besetzt sind. Und da ich die Strecke kenne, weiß ich auch auf welcher Seite ich aussteigen muss. Ansonsten freue ich mich darüber, wenn in Bahnen angesagt wird auf welcher Seite in Fahrtrichtung sich der Ausstieg befindet.

Ich kann sehen wohin ich beim Aussteigen laufen muss. Daher konnte ich zielgerichteter auf die Treppe nach oben laufen als wenn ich mir jeden Schritt hätte ertasten müssen. Das ist beispielsweise bei Sonnenschein der fall.

Wege sind für viele Blinde eine Art Auswendiglernen. Und da ich diesen Weg schon oft gelaufen bin, finde ich ohne Probleme zur Straßenbahnhaltestelle. Dabei zähle ich keine Schritte, wie so mancher Sehende meint. Das wäre zu viel Konzentrationsaufwand. Ich orientiere mich an markanten Punkten. Das sind Dinge, die ihren Standort nicht verändern, also Treppenaufgänge, Türen, Hauseingänge oder Straßenkreuzungen.

An der Straßenbahnhaltestelle standen viele Menschen. Das ist gut. Denn hier fahren die Linien 11 und 12. Und da ich nur hören kann, dass eine Straßenbahn angefahren kommt, muss ich fragen um welche Linie es sich handelt.

Am liebsten steige ich auch alleine in eine Straßenbahn ein. Das empfinde ich als sicherer für mich. Ich mag es z. B. gar nicht, wenn gut meinende Passanten mich am Arm nehmen und mich in die Bahn schieben. Das erschreckt mich, und bringt mich auch schon mal aus dem Gleichgewicht oder ziehen wollen. Außerdem weiß ich erst mal nicht, ob die Person, die mich da gerade anfasst Freund oder Feind ist. Eine einfache Frage wie „Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?“ würde uns beiden mehr bringen als einfach so angefasst zu werden.

Mit der 12 fuhr ich also bis Rohrbachstrasse / Friedberger Straße. Und ab diesem Punkt betrat ich unbekanntes Gebiet. Gut, ich hätte jetzt über Facebook nach einer Abholmöglichkeit fragen können. Aber ich war recht früh dran. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass schon wer da war. Meine Navigationshilfe sagte, dass ich mich etwa 300 m vom Ziel entfernt befinde. Ich übergab die Adresse also an eine Naviapp und wartete erst mal ab. Ich bekam die Anweisung gegen die Fahrtrichtung zu gehen und dann links abzubiegen. Gesagt, getan. Jetzt bekam ich die Info, dass ich immer geradeaus laufen sollte und eine Entfernungsangabe, die sich von Zeit zu Zeit aktualisierte. Also machte ich mir erst mal keine Sorgen.

An der nächsten Straßenecke Fragte mich eine Frau ob sie mir helfen kann. Also fragte ich sie nach „Wir Komplizen“. Sie kannte das Lokal und versuchte mir den Weg zu beschreiben. Da das nicht weit zu sein schien, fragte ich ob sie Zeit habe mich zu begleiten. Das war auch gut so. Denn das Lokal befindet sich in einem Hinterhof, den ich sicher nicht auf Anhieb gefunden hätte. Dazu ist meine Naviapp zu ungenau. Sie kann mir zwar sagen, wenn ich an der richtigen Hausnummer angekommen ist, nicht aber ob diese sich in einem Hinterhaus befindet. Auch kann sie keine Hauseingänge finden. Dafür weiß ich für das nächste Mal wonach ich zu suchen habe.

Vor dem Eingang Trennten meine Begleiterin und ich uns. Vorher gab sie mir die Info, dass direkt hinter dem Eingang stufen kommen. Auch wenn ich diese bereits mit dem Stock ertastet hatte, fand ich das sehr aufmerksam von ihr. Den Tresen habe ich sehr schnell gefunden. Zum einen kann ich die Umrisse sehen, zum anderen hat es mir auch die Geräuschkulisse verraten, dass hier die Theke sein musste. Und so stand ich erst mal eine Weile da, bis mich jemand ansprach. Anschließend wurde ich zum Tisch begleitet, der für das Bloggertreffen vorgesehen war.

Das Treffen selbst war sehr schön und hat sich für mich absolut gelohnt. Mehr darüber könnt ihr auf

http://mainrausch.de/schreiberlinge-unter-sich-beim-ersten-frankfurter-blogger-stammtisch/

nachlesen. Hier sind dann auch die Teilnehmer mit ihren jeweiligen Projekten aufgeführt.