Mit Bus und Bahn zum Bloggertreffen

Das Foto zeigt mich in einer Straßenbahn. Ich habe eine schwarze Winterjacke an, und den Blindenstock in der rechten Hand. Der Blick ist aus dem Fenster gerichtet.

Schon oft hatte ich von Blloggertreffen gehört. Aber wirklich etwas darunter vorstellen konnte ich mir nichts. Außer dass sich Blogger treffen. Dennoch fand ich die Idee spannend sich mit anderen auszutauschen. Doch die meisten Bloggertreffen, von denen ich gehört hatte, waren zu weit weg. Und eben mal drei Stunden einfache Wegstrecke zu einem Bloggertreffen zu fahren? Nein, nicht wirklich.

Vor ein paar ‚Wochen stolperte ich auf ein Posting von Matthias Grün, der anfragte ob Interesse da sei sich in Frankfurt zu treffen. Ich fand die Idee echt gut und trug mir den Termin, der recht bald feststand, gleich mal in meinen digitalen IPhonekalender ein. Meinen Kalender führe ich auf meinem IPhone. Es hat eine sprechende Bedienungshilfe, so dass ich jederzeit und überall darauf zugreifen kann. Das IPhone liest mir den Eintrag mit Hilfe einer synthetischen Stimme vor.

Etwa drei Tage vor dem Treffen machte ich mir so langsam Gedanken. Für mich stellte sich die Frage wo das Lokal ist, und wie ich dort hinkomme. Also fragte ich mal in der Facebookgruppe nach ob jemand sich mit mir an der nächstliegenden Bus- oder Bahnhaltestelle treffen mag, und wir gemeinsam hingehen könnten. Erst mal Fehlanzeige. Dafür bekam ich aber eine ungefähre Erklärung, nämlich die Straßenbahnhaltestelle und den Tipp mich dann zu melden. Irgendwer würde mich einsammeln kommen. Denn das Lokal sei nicht weit weg.

Bis etwa zwei Stunden vor dem Treffen diskutierte ich mit meinem inneren schweinehund ob ich mir das wirklich geben wollte. Ich hatte sogar einen Freund gefragt, ob er mich mit dem Auto fahren könnte. Aber das ging heute mal nicht. Also stieg ich um 18:00 Uhr in den Bus in Richtung Frankfurt Süd. Nebenbei suchte ich in Blindsquare, das ist eine Navigationshilfe für Blinde, das Lokal raus. Und weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, ließ ich das Programm auf der Fahrt mitlaufen, so dass ich sämtliche Kreuzungen und Bewegungsdaten angesagt bekam.

Am Südbahnhof hielt der Bus ziemlich weit vorne. Da ich auch vorne ausstieg, kam ich erst mal zwischen einem Poller und einem ziemlich ungünstig platzierten Fahrradständer zum Stehen. Und wieder einmal stellte ich mir die Frage warum der Bus jetzt so weit vorne halten muss. Anschließend ging ich die beiden Stockwerke zur U-Bahn runter. Ich laufe lieber Treppen, auch wenn viele normal sehende denken ich brauche eine Rolltreppe oder Aufzug. Es schadet mir ganz sicher nicht mich zu bewegen. Und Aufzüge mag ich nur dann, wenn sie sprechen oder es sich nicht vermeiden lässt.

Ich wollte zum Willy-Brandt-Platz. Daher brauchte ich nicht darauf zu achten in welche Bahn ich stieg. Die halten alle dort. In der Bahn ist die Beleuchtung so, dass ich mit meinem Sehrest erkennen kann ob Plätze frei oder besetzt sind. Und da ich die Strecke kenne, weiß ich auch auf welcher Seite ich aussteigen muss. Ansonsten freue ich mich darüber, wenn in Bahnen angesagt wird auf welcher Seite in Fahrtrichtung sich der Ausstieg befindet.

Ich kann sehen wohin ich beim Aussteigen laufen muss. Daher konnte ich zielgerichteter auf die Treppe nach oben laufen als wenn ich mir jeden Schritt hätte ertasten müssen. Das ist beispielsweise bei Sonnenschein der fall.

Wege sind für viele Blinde eine Art Auswendiglernen. Und da ich diesen Weg schon oft gelaufen bin, finde ich ohne Probleme zur Straßenbahnhaltestelle. Dabei zähle ich keine Schritte, wie so mancher Sehende meint. Das wäre zu viel Konzentrationsaufwand. Ich orientiere mich an markanten Punkten. Das sind Dinge, die ihren Standort nicht verändern, also Treppenaufgänge, Türen, Hauseingänge oder Straßenkreuzungen.

An der Straßenbahnhaltestelle standen viele Menschen. Das ist gut. Denn hier fahren die Linien 11 und 12. Und da ich nur hören kann, dass eine Straßenbahn angefahren kommt, muss ich fragen um welche Linie es sich handelt.

Am liebsten steige ich auch alleine in eine Straßenbahn ein. Das empfinde ich als sicherer für mich. Ich mag es z. B. gar nicht, wenn gut meinende Passanten mich am Arm nehmen und mich in die Bahn schieben. Das erschreckt mich, und bringt mich auch schon mal aus dem Gleichgewicht oder ziehen wollen. Außerdem weiß ich erst mal nicht, ob die Person, die mich da gerade anfasst Freund oder Feind ist. Eine einfache Frage wie „Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?“ würde uns beiden mehr bringen als einfach so angefasst zu werden.

Mit der 12 fuhr ich also bis Rohrbachstrasse / Friedberger Straße. Und ab diesem Punkt betrat ich unbekanntes Gebiet. Gut, ich hätte jetzt über Facebook nach einer Abholmöglichkeit fragen können. Aber ich war recht früh dran. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass schon wer da war. Meine Navigationshilfe sagte, dass ich mich etwa 300 m vom Ziel entfernt befinde. Ich übergab die Adresse also an eine Naviapp und wartete erst mal ab. Ich bekam die Anweisung gegen die Fahrtrichtung zu gehen und dann links abzubiegen. Gesagt, getan. Jetzt bekam ich die Info, dass ich immer geradeaus laufen sollte und eine Entfernungsangabe, die sich von Zeit zu Zeit aktualisierte. Also machte ich mir erst mal keine Sorgen.

An der nächsten Straßenecke Fragte mich eine Frau ob sie mir helfen kann. Also fragte ich sie nach „Wir Komplizen“. Sie kannte das Lokal und versuchte mir den Weg zu beschreiben. Da das nicht weit zu sein schien, fragte ich ob sie Zeit habe mich zu begleiten. Das war auch gut so. Denn das Lokal befindet sich in einem Hinterhof, den ich sicher nicht auf Anhieb gefunden hätte. Dazu ist meine Naviapp zu ungenau. Sie kann mir zwar sagen, wenn ich an der richtigen Hausnummer angekommen ist, nicht aber ob diese sich in einem Hinterhaus befindet. Auch kann sie keine Hauseingänge finden. Dafür weiß ich für das nächste Mal wonach ich zu suchen habe.

Vor dem Eingang Trennten meine Begleiterin und ich uns. Vorher gab sie mir die Info, dass direkt hinter dem Eingang stufen kommen. Auch wenn ich diese bereits mit dem Stock ertastet hatte, fand ich das sehr aufmerksam von ihr. Den Tresen habe ich sehr schnell gefunden. Zum einen kann ich die Umrisse sehen, zum anderen hat es mir auch die Geräuschkulisse verraten, dass hier die Theke sein musste. Und so stand ich erst mal eine Weile da, bis mich jemand ansprach. Anschließend wurde ich zum Tisch begleitet, der für das Bloggertreffen vorgesehen war.

Das Treffen selbst war sehr schön und hat sich für mich absolut gelohnt. Mehr darüber könnt ihr auf

http://mainrausch.de/schreiberlinge-unter-sich-beim-ersten-frankfurter-blogger-stammtisch/

nachlesen. Hier sind dann auch die Teilnehmer mit ihren jeweiligen Projekten aufgeführt.

Advertisements

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

6 Kommentare zu „Mit Bus und Bahn zum Bloggertreffen“

  1. Wenn du erstmal an einem unbekannten Ort angekommen bist, ist der Rückweg dann ganz einfach für dich oder musst du überlegen?
    Für mich ist es schon abenteuerlich, meine Waldwege hier wiederzuerkennen, wenn es geschneit hat.
    Andererseits kann ich mich prima ohne Brille und Kontaktlinsen abends zurechtmachen und herumwurschteln. Bei -6 Dioptrien plus Hornhautverkrümmung bleibt da nicht mehr viel Schärfe. 😉 Doch in ungewohnter Umgebung würde der Trick nicht klappen.

    Gefällt 1 Person

    1. Allerdings habe ich bei Schnee auch Probleme. Die Geräuschkulisse ist anders, und es so hell, dass mich einfach alles blendet. Das liegt daran, dass mir normales Tageslicht schon etwas zu hell ist. Ich gehöre also zu den so genannten Lichtscheuen Wesen 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s