Über meine ersten Jahre in Deutschland hatte ich bereits geschrieben. Heute geht es um meine ersten Schuljahre.
Ich war inzwischen sieben Jahre alt, als sich die Frage nach der Schule stellte. Ich war mit sechs Jahren in einen Kindergarten gekommen, der ein blindes Kind aufnehmen wollte. Hier hatte ich durch den täglichen Kontakt mit anderen Kindern ausreichend Deutsch gelernt, um mich ganz normal unterhalten zu können. Außerhalb des Kindergartens wurde nach wie vor arabisch gesprochen. 
Meine Eltern wussten damals nicht, dass es spezielle Schulen für blinde Kinder gibt. Irgendwer hatte ihnen gesagt, dass es so etwas in Frankfurt gäbe. Und so wurde ich dort angemeldet. Meine Eltern und ich wussten lange Zeit nicht, dass es sich um eine Schule für Sehbehinderte und nicht für Blinde handelte. 
Zur Erklärung. Als gesetzlich blind gilt man, wenn man auf dem besseren Auge höchstens über 2 % Restsehvermögen verfügt. Bis 5 % spricht man von hochgradiger Sehbehinderung. Und ab da nur noch von Sehbehinderung. 
Man stelle sich also vor, dass ich mit Kindern in derselben Klasse saß, die sehtechnisch nicht weit weg vom Führerschein waren. Und ich sah die Buchstaben nur dann, wenn ich sie fett gedruckt und vergrößert bekam. Meine Klassenlehrerin merkte sehr bald was Sache war und versuchte mir gezielt zu helfen. Eine weitere Stütze war die Hausaufgabenhilfe in unserer Stadt, die täglich von wechselnden Betreuern kostenlos angeboten wurde. Hier arbeitete man den Stoff mit mir auf. Vor allem als es um das Erlernen der Schreibschrift ging, brauchte ich einfach länger als meine Mitschüler. Und auch das flüssige Lesen gestaltete sich ab dem zweiten Schuljahr etwas schwierig. Meine Freunde waren meine rasche Auffassungsgabe und mein Fleiß. Und natürlich die Helfer, die mir mit einer Engelsgeduld die Inhalte zugänglich machten, die ich einfach nicht sehen konnte.
Vor der Schule wurde ich von einem Schulbus abgeholt, der gegenüber von unserem Haus hielt. Ich lernte diese Straße unter keinen Umständen alleine zu überqueren, sondern stets jemanden zu fragen, damit er mich begleitete. Und ich hinterfragte das nie. Für mich war klar, dass Blinde Straßen nie alleine überqueren. Erst recht nicht eine Hauptstraße wie unsere. Meist ging ich in Begleitung meiner Eltern aus dem Haus. Das änderte sich erst, nachdem wir in eine ruhigere Straße zogen. Freunde in meinem Alter hatte ich kaum. Okay, da waren Kinder von Freunden meiner Eltern, die wir besuchten oder umgekehrt. Und mit Kindern aus der Schule hatte ich nur in der Schule Kontakt. Und da ich das nicht anders kannte, vermisste ich nichts. Und durch meine jüngeren Geschwister war ohnehin stets Leben im Haus.
Irgendwann sah man ein, dass ich hier auf der schule für Sehbehinderte einfach fehl am Platz war. Und so ergriff man wohl die Initiative und fragte bei der Blindenschule in Friedberg an. Wer genau das damals in die Wege geleitet hat, das weiß ich heute nicht mehr. Sonst wüsste ich bei wem ich mich bedanken darf. Denn es war damals das Beste was mir hätte passieren können. 
Ich erinnere mich noch an den Lehrer, der meine Eltern und mich zuhause besuchte und lange mit mir sprach. Er erzählte mir viele spannende Dinge von der neuen Schule. Bis dato dachte ich, dass dort alle Schüler ganz blind seien, und ich als einzige über einen Sehrest verfügte. Denn für mich klang es einfach nur logisch, dass eine Blindenschule nur blinde Kinder unterrichtete. Und warum die mich als Mädchen mit Sehrest aufnahmen, darüber habe ich mir als neunjährige keine Gedanken gemacht. 
Spannend fand ich auch, dass ich in der Schule wohnen würde. Da diese so weit weg sei, würde ich nur am Wochenende zu Mama und Papa und meinen inzwischen drei Geschwistern nach Hause fahren. Und natürlich in den Schulferien. Das taten dort alle Kinder, weil ihre Eltern auch nicht in Friedberg wohnten. 
Ich hatte nur selten nicht mit meiner Mutter unter einem Dach geschlafen. Eigentlich nur wenn meine Mutter im Krankenhaus war. Sonst war sie immer um mich. Und gerade für meine Mutter war es eine mittlere Katastrophe, dass ihr blindes Kind nun nicht mehr bei ihr Wohnen würde. 
Damals wusste ich es nicht. Doch der Schulwechsel auf das Internat war für mich der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben und der Selbstfürsorge. 

Advertisements

8 Kommentare zu „Als blindes Grundschulkind arabischer Eltern

  1. Echt stark von deinen Eltern, dass sie es zugelassen haben, dass du auf ein Internat gehst! Ich hatte zu Grundschulzeiten einige liebe arabische Mitschülerinnen und die durften leider weder den Schwimmunterricht besuchen, noch auf Geburtstage oder Klassenfahrten. Das fand ich damals gemein und heute ehrlich gesagt immer noch!

    Gefällt 1 Person

    1. Nun, auch blinde sind schulpflichtig. Und die Alternative war damals nur das Internat. Somit stellte sich für uns dieses Problem nicht. Allerdings waren meine Eltern tolerant genug, um auch meinen Geschwistern Klassenfahrten, Schwimmunterricht und so weiter zu gestatten.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s