Nachdem ich über meine ersten Jahre in einer Schule für Sehbehinderte geschrieben hatte, möchte ich heute auf meinen ersten Tag in der Schule für blinde Kinder eingehen.

 

Die ersten Wochen verbrachte ich noch in der dritten Klasse meiner alten schule. Das lag wohl daran, dass noch nicht alle Formalitäten vollständig erledigt waren. Und dann ging alles ganz schnell. Ich hatte noch nicht einmal Zeit Abschied von meiner alten Klasse zu nehmen.

 

Es war ein Montag, als meine Eltern und ich nach Friedberg fuhren. Hier war die nächstliegende Blindenschule, in die ich ab heute gehen sollte. Ich war mächtig aufgeregt. Denn ich hatte absolut keine Idee was mich nun erwarten würde, außer einer Menge blinder Kinder.

Nachdem wir von der Schulleitung empfangen wurden, ging es irgendwann in die Wohngruppe, in der ich wohnen sollte. Diese befand sich im selben Schulgebäude. Und zwar im obersten von drei Stockwerken. Die erste Regel, die ich auf dem Weg dorthin lernte war, dass wir immer die rechte Seite der Treppe benutzen sollten. Damit wurde ein Zusammenstoßen vermieden.

 

In der Wohngruppe gab es drei Schlafzimmer, eins für vier Jungen und zwei Dreibettzimmer für die Mädchen. In meinem hatte jedes Kind ein eigenes Nachtschränkchen neben dem Bett. Außerdem gehörten zwei Waschbecken und ein kleiner Tisch mit drei Stühlen zur Ausstattung. Ja, und dann gab es noch einen Puppenwagen und ein fahrbares Himmelbett für Puppen in diesem Zimmer. Und dann gab es noch ein gemeinschaftliches Bad und ein Spielzimmer, in welchem auch gegessen wurde. Die Kleiderschränke befanden sich auf dem Flur.

 

Viel Zeit zum Staunen blieb mir nicht. Denn jetzt hieß es von meinen Eltern Abschied nehmen. Und dann wurde ich in meine Schulklasse gebracht und den anderen vorgestellt. Tja, und dann war ich mitten drin im Unterricht und quasi mir selbst überlassen. Wir waren zehn Kinder, fünf Mädchen und fünf Jungs. Denn all diese stellten sich mir mit Namen vor. Maria, ein Mädchen aus Portugal, und mit mir die einzige Ausländerin, wurde meine erste Freundin. Ihre Eltern gingen irgendwann zurück in die Heimat, so dass ich nicht weiß was später aus ihr geworden ist. Und dann gab es da noch Matthias. Uns verbindet noch heute eine herzliche Freundschaft. Mit diesen beiden Menschen verbrachte ich so manche große Pause auf dem Schulhof.

 

Maria nahm mich nach dem Unterricht ganz selbstverständlich mit zurück in die Wohngruppe. Dort bekamen wir unser Mittagessen. Bei uns wurde stets anders gegessen. Daher war ich mit dem Gebrauch von Gabel und Messer erst mal etwas überfordert. Doch bevor ich mich anfangen konnte zu schämen, zeigte eine unserer Erzieherinnen mir den Gebrauch und übte das in den nächsten Tagen mit mir. Und dann gab es Nachtisch. Den konnte ich ganz normal mit dem kleinen Löffel essen. Ich gewöhnte mich auch daran, dass wir uns das essen selbst auf den Teller taten. Auch das gab es zuhause nicht. Dort hatte das meine Mutter für uns gemacht.

 

Um 14:00 Uhr klingelte es zur Arbeitsstunde. Das war die Zeit, in welcher wir mit unseren Erzieherinnen in der Klasse Hausaufgaben erledigen sollten. Und da ich noch keine hatte, bekam ich meine erste Lektion in Braille. Eine Erzieherin erklärte mir den Umgang mit der Punktschriftmaschine und übte mit mir die ersten Buchstaben. Es waren das a, das b und das l. Und so konnte ich am Ende dieser Stunde das Wort Ball schreiben und auch lesen.

 

Nach der Arbeitsstunde hatten wir Freizeit. Im Spielzimmer konnten wir Hörspiele hören, basteln oder Spiele machen. Oder wir konnten bei schönem Wetter auf den Schulhof.

 

Um 18:00 Uhr wurde zu Abend gegessen. Meist gab es belegte Brote. Und die machten wir uns selbst. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Brot geschmiert. Ich war noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dass ich das als Blinde alleine konnte. Ich musste es nur gezeigt bekommen. Und genau das tat eine unserer Erzieherinnen.

 

Nach dem Abendessen hatten noch zwei Schüler Küchendienst. Das hieß bei uns Spülen, abtrocknen und das saubere Geschirr einräumen. Das fand im Bereitschaftszimmer statt. Hier gab es eine Küchenzeile, ein großes Sofa und einen kleinen Tisch, und es gab einen Fernseher. Hier wurde abends vorgelesen oder auch mal gemeinsam ferngesehen.

 

Nach dem Abendessen hieß es erst mal waschen und umziehen. Unsere Erzieherin zeigte mir den Kleiderschrank und erklärte mir wie er eingeräumt war. Es gab ein System, dass in jedem unserer Schränke gleich war. So musste kein Kind irgendetwas suchen. Und immer dann, wenn die saubere Wäsche eingeräumt wurde, passierte das nach genau diesem System. Getragene Wäsche wurde in einem großen Korb gesammelt. Und da jedes Kleidungsstück mit Namen versehen war, bekamen wir alles wieder direkt in den Schrank zurück.

 

Nachdem wir uns gewaschen und umgezogen hatten, durften wir noch ein bisschen spielen. Maria aus meiner Klasse, Trixi, die eine Klasse über uns war, und ich teilten uns ein Zimmer. Und dort spielten wir noch ein bisschen. Danach ging es ins Bett. Hier durften wir noch bis 9 Uhr miteinander reden oder ein Hörspiel hören. Es gab einen Kassettenrekorder, den jedes der drei Schlafzimmer einmal haben durfte. An diesem Abend war bei uns Schwatzen angesagt. Wir waren drei vollkommen unterschiedliche Mädchen, die einfach alles voneinander wissen wollten. Und das war alles so spannend, dass ich gar nicht auf die Idee kam an Heimweh zu leiden. Es war heute so viel Neues passiert, dass ich einfach nur noch gespannt auf den nächsten Tag war.

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2 Kommentare zu „Mein erster Tag an der Blindenschule

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