Die Klinik mit der Nummer

Das Titelbild zeigt einen großen Bildschirm an einer Wand, auf dem die Wartenummer und der Behandlungsraum angezeigt werden.

Im Sommer 2014 bekam ich meinen ersten Termin in der Augenklinik meines Vertrauens. Damals wurde ein Hornhauttransplantat nicht vom Körper angenommen. Und so wollte mein Augenarzt mich bei einem Spezialisten für Hornhauterkrankungen wissen. Und bisher war es das Beste was mir passieren konnte. Denn die Klinik leistet hervorragende Arbeit und nimmt auch jemanden ernst, der wie ich über ein sehr geringes Restsehen verfügt.

Normalerweise nehme ich solche Termine gerne alleine wahr. Denn ein Besuch in einer Augenklinik ist in der Regel eine Ganztagsveranstaltung. Ich weiß das, und stelle mich darauf ein. Eine quengelnde Begleitperson kann ich daher am allerwenigsten gebrauchen. Somit bleibt der Kreis an in Frage kommenden Begleitpersonen recht überschaubar. Erst recht, wenn man gute drei Stunden Fahrzeit pro Wegstrecke einplanen muss. Ich hatte Glück. Denn einer meiner besten Freunde begleitete mich.

Was mir sofort auffiel war, dass man nicht einfach so an den Infoschalter gehen und sich anmelden konnte. Stattdessen musste man an einen Automaten gehen und eine Nummer ziehen. Diese erhält man dann auf einem kontrastreichen Din a4 Blatt. Mit dieser Nummer geht es dann in den ersten Wartebereich. Hier leuchten an unterschiedlichen Schaltern die jeweiligen Nummern auf. Mit sehender Begleitung kein Problem. Die sieht ja welche Nummer angezeigt wird, und zu welchem Schalter es geht. Als ich die Mitarbeiterin darauf ansprach, meinte sie nur, dass das so sein muss, da hier auch noch die HNO dran hängt.

Ist die Anmeldung getan, geht es in den nächsten Wartebereich. Dort zeigt man noch mal seine Nummer und darf dann auf den Sehtest warten. Ohne den geht gar nichts. Und anschließend geht es in den großen Wartebereich 3. Auch hier leuchten auf unterschiedlichen Monitoren Nummern auf. Allerdings wird man hier auch namentlich aufgerufen.

KlinikNummer2
Das Bild zeigt ein DIN A4 Blatt mit Wartenummer und Anweisungen in extra großer Schriftgröße.

Ich hielt das meist so, dass ich mir eine Begleitperson mitnahm. Das garantierte mir ein gewisses Maß an Unabhängigkeit. Und wenn die Begleitung gut ist, muss man sich nicht um sie kümmern.

Ich wusste noch von meinen letzten Besuchen, dass ich in den ersten Stock gehen musste. Und auch wo die Treppe ist, war mir noch vertraut. Problematisch wurde es bei der Anmeldung. Irgendwo im Haus war wohl eine Baustelle. Und wer gegen eine Schlagbohrmaschine anschreit, hat meist irgendwann keine Stimme mehr. Es machte also keinen Sinn in Richtung der Schalter zu rufen. Die konnten mich nicht hören. Ich dachte, wenn ich einfach stehen bleibe, wird jemand auf mich aufmerksam. Denn durch den Schlagbohrer konnte ich keinen Menschen mehr hören. Irgendwann sah ich die Umrisse einer Frau, die ich ansprach. Sie erklärte mir erst mal, dass sie heute keine Stimme mehr habe. Aber irgendwie konnte ich ihr klarmachen, dass ich doch nur eine Nummer haben wollte. Die bekam ich auch. Als ich meine Begleiterin bat mir diese vorzulesen, zeigte sie nur drauf, und meinte, die sei doch schon so groß geschrieben. Sie hatte Recht. Die war groß und kontrastreich geschrieben. Aber in dem Raum war es so hell, dass ich ein echtes Problem damit hatte.

Ich fand dann auch noch jemanden, der mir die Nummer vorlas. Und dann hieß es warten bis die Nummer leuchtet. Zwischendurch fragte ich jemanden, und erhielt nur die Antwort: „Keine Angst, ich sage Ihnen Bescheid“. Okay, gut dass wir drüber gesprochen haben. Was jetzt? Ich nahm meinen Zettel in die Hand, und hielt ihn mit der beschriebenen Seite in Richtung Schalter. Wenn niemand auf eine aufleuchtende Nummer reagierte, dann würde sicher jemand in meine Richtung schauen. Und so war es auch. Plötzlich packte mich jemand am Arm und versuchte mich in Richtung eines Schalters zu schieben. Es gelang mir ihm klarzumachen, dass ich seine Geste verstanden habe und alleine gehen möchte. Die Dame am Schalter entschuldigte sich bei mir, dass sie nicht gegen den Baulärm anbrüllen konnte.

Nach der Prozedere bekam ich meine Nummer wieder und marschierte wieder zurück ins Erdgeschoss. Hier konnte ich direkt an den Infoschalter und traf auf vorbildliches Verständnis. Ich bekam die Hilfe, die ich brauchte, inklusive der Beschreibung, wie ich nachher meine Jacke am besten wiederfinden konnte. Und nach dem obligatorischen Sehtest ging es dann in den großen Wartebereich. Zum Glück brauchte ich mich nicht um aufleuchtende Nummern zu kümmern. Die Mitarbeiter nahmen mich in Empfang, nachdem ich mit Namen aufgerufen wurde. Und anschließend wurde ich wieder zurück in den Wartebereich begleitet.

Ich sprach das Thema mit der Nummer mehrmals an, wie ich es stets getan habe, wenn ich dort war. Eine Ärztin erklärte mir, dass die meisten mit sehender Begleitung kommen. Daher wäre bisher kaum eine Nachfrage nach einer Veränderung da. Ob das tatsächlich so ist, kann ich nicht beurteilen. Aufgefallen ist mir, dass so ziemlich alle Patienten mit einer Begleitung da waren.

Für normal sehende Patienten mit einem Hörproblem oder auch mit einer leichten Sehbehinderung mag das ganz praktisch sein. Für Blinde ist der Anmeldevorgang absolut daneben. Ich weiß bis heute nicht wie ich an die Nummer komme, kann diese kaum selbst lesen und sehe erst recht nicht wo was aufleuchtet. Und wäre ich ganz blind, dann würde ich zwar den Ton für die Nummern hören, könnte aber erst mal nicht einordnen was das ist. Und wenn dann noch eine Baustelle im Haus ist, dann wird es richtig schwierig.

Eine Lösung wäre die Möglichkeit sich direkt an den Infoschalter anzustellen, gesprochene Nummern, wenn sie denn schon sein müssen, und taktile Leitlinien im Anmeldebereich. Für die Verantwortlichen eine Kleinigkeit, für uns Blinde ein Schritt zum unabhängigen Klinikbesuch.

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Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

1 Kommentar zu „Die Klinik mit der Nummer“

  1. Wirklich schade, dass es dort keine andere Lösung gibt für die Nummern – und das in einer Augenklinik. Da kann ich mich nur wundern. Gut, dass du auf das Problem aufmerksam gemacht hast. Und schön, dass es abgesehen davon deinen Schilderungen nach eine gute Klinik ist :).

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