Wie ich die Brailleschrift erlernte und was sie für mich bedeutet.

Mit 9 Jahren wechselte ich auf eine Blindenschule und lernte die Brailleschrift kennen, die mich bis heute begleitet

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Auf dem Titelbild bin ich mit einer Broschüre in Braille zu sehen. Meine Finger liegen auf dem Papier.

Die ersten drei Buchstaben, nämlich das a, b und l lernte ich bereits an meinem ersten Tag an der Blindenschule. Ich war mächtig stolz darauf, dass ich jetzt das Wort „Ball“ schreiben konnte.

Mein zweiter Tag an der Blindenschule begann mit einer Förderstunde. Es gab zwei Arten von Förderstunden, eine für Kinder mit besonderem Förderbedarf und eine für den Rest der Klasse. Ich kam in die erste Gruppe, die jetzt aus drei Schülern bestand. Unser Klassenlehrer leitete diese und brachte mir während dieser Zeit die Brailleschrift bei. Er verstand es mich richtig zu motivieren.

Musste im Unterricht geschrieben werden, so tat ich das mit der Hand, beschränkte mich jedoch auf ein Minimum, da ich einfach zu langsam war. Nur In Mathematik war ich schnell.

Eines Tages sagte mein Lehrer zu mir, dass wir heute die Zahlen lernen würden. In Braille ist das so, dass die Buchstaben a bis j auch als Zahlen von 1 bis 0 verwendet werden. Es wird ihnen ein Zeichen vorangestellt, das aussagt, dass wir es hier mit einer Zahl und nicht mit einem Buchstaben zu tun haben. Wenn man es einmal verstanden hat, dann ist es kinderleicht. Und am Ende des Unterrichts sagte er zu mir, ich könne es mir aussuchen, ob ich die Hausaufgaben in Mathe heute mit der Hand oder in Braille machen möchte. Natürlich wollte ich beides machen. Einfach, weil ich glücklich war jetzt endlich meine Aufgaben wie meine Mitschüler machen zu können.

Insgesamt vergingen etwa sechs Wochen, bis ich die Brailleschrift flüssig schreiben konnte. Und laut vorlesen dauerte noch etwas länger. Aber ich brauchte mich jetzt nicht mehr mit handschriftlichen Hausaufgaben herumzuquälen.

Unsere Schule besaß eine umfangreiche Schülerbibliothek. Diese hatte einmal in der Woche nach dem Mittagessen geöffnet. Und hierhin traute ich mich eines Tages. Da ich noch nie ein Buch gelesen hatte, wusste ich selbst nicht was ich eigentlich haben wollte. Die Lehrerin, welche die Bibliothek leitete, suchte ein Buch für mich heraus. Es hieß „Freude hat viele Gesichter“. An den Inhalt selbst erinnere ich mich nicht mehr. Nur daran, dass ich es gelesen habe. Es musste sogar am Wochenende mit zu meinen Eltern. Und diese gewöhnten sich allmählich daran, dass ich am Wochenende irgendein Buch dabei hatte.

Von nun an wurde ich langsam zur Leseratte. Ich entdeckte immer mehr Bücher, die mich interessierten. Und da man am Tag so viel anderes zu tun hatte, entdeckte ich, dass man mit einem Buch in Braille wunderbar unter der Bettdecke lesen konnte – und das ohne Taschenlampe. Denn ich brauchte nur die Finger zum Lesen. Ob unsere Erzieher das nicht sahen, oder einfach tolerierten, kann ich heute nicht mehr beurteilen.

LydiaBraille2Und so sieht es aus. Das Bild zeigt eine Nahaufnahme meiner Finger auf einem mit Braille beschriebenen Blatt Papier.

Die Monate vergingen, und mein Deutsch wurde immer besser. Ich weiß noch, dass mir das jemand aus meiner früheren Schule sagte, als ich meine alte Klasse besuchte. Wow, das kam bestimmt durch das viele Lesen, und natürlich dadurch, dass ich unter der Woche nur deutsch sprach.

Bücher in Braille, oder Punktschrift, wie man auch sagen kann, sind sehr umfangreich. Für alle, die schon mal ein Buch von Karl May in der Hand hatten. Ein solches Buch in Braille besteht aus vier Bänden, die etwa Handteller breit sind. Also nichts für die Handtasche. Und als ich meine Phase mit Karl May hatte, habe ich mir die Bücher aus einer Leihbücherei nach Hause schicken lassen, um sie während der Ferien zu lesen.

LydiaBraille3Um Euch den Unterschied einmal zu zeigen, habe ich eine Infobroschüre einmal in Braille fotografiert. Daneben zum Vergleich dasselbe in Brailleschrift.

Es gibt Büchereien für Braille oder auch für Hörbücher, die extra für Blinde aufgelesen wurden. Solche Einrichtungen dürfen Bücher oder auch Hörbücher kostenfrei an Blinde verschicken. Und wir dürfen diese auch kostenlos zurückschicken. Dafür gibt es spezielle Transportboxen, die entsprechend gekennzeichnet werden.

Heute streiten sich viele darüber, ob die Brailleschrift bei zunehmender Digitalisierung überhaupt noch eine Zukunft hat. Ich gehöre zu denjenigen, welche die Frage eindeutig mit einem „ja“ beantworten. Denn auch wenn ich viel mit Sprachausgabe arbeite, bin ich froh mir auch mal für unterwegs Notizen in Braille machen zu können. Sozusagen für die Handtasche. Und auch meine Texte habe ich beim Korrekturlesen lieber unter den Fingern. Das ist genauer als die Sprachausgabe.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

13 Kommentare zu „Wie ich die Brailleschrift erlernte und was sie für mich bedeutet.“

  1. Hallo Lydia,
    ich bin auch eine Leseratte 🙂
    Wobei mich, wenn ich blind wäre, der schiere Umfang der Braille-Bücher abschrecken würde. Ich weiß, dass Computer ja eine Braillezeile haben können. Gibt es denn keine e-Braille-Books? Es wäre doch recht einfach, etwas in Kindle-Größe mit der Technologie der Braille-Zeile.
    LG
    Daniela

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Lydia,

    ich habe deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich mir vom Blinden Verlag die Braille-Schrift erläutern lassen und bin jedes Mal erneut fasziniert.

    Schöne Osterfeiertage wünsche ich dir im Kreise deiner Lieben.

    Liebe Grüße

    Anja

    Gefällt 1 Person

  3. Braille-Schrift ist für mich ein Phänomen. Ich wollte einmal anfangen, sie aus Interesse ein bisschen zu lernen. Unsere Schule hat einen integrativen Ansatz und deswegen gibt es immer wieder blinde oder sehbehinderte Mitschüler. Die erste Schülerin ging in eine Parallelklasse meines Sohnes. Zum Einstand musste sie alle Namen ihrer Mitschüler der ganzen Jahrgangsstufe in Braille piksen. Ziemlich viel Arbeit! Auf jeden Fall hatten wir dann den Namen „Kilian“ auf dem Zettel – aber wir konnten kaum einen Buchstaben vom anderen trennen.
    Ich habe dann das Lernen von Braille aufgegeben – zu anstrengend ….
    LG Sabienes

    Gefällt 1 Person

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