Warum blinde Computernutzer spezielle Schulungen brauchen.

 
Das Bild zeigt ein Laptop mit angeschlossener Braillezeile. Darauf liegen meine Finger.

Ich benutze ein handelsübliches Notebook. Und auch Tastatur, Scanner und Drucker kommen aus dem herkömmlichen Handel. 

Du fragst Dich jetzt sicher warum ich unbedingt eine spezielle Schulung im Umgang mit eben diesen Geräten brauche. Und wenn ich Dir jetzt auch noch sage, dass ich handelsübliche Software auf meinem Computer habe, dann wirst Du sicher den Kopf schütteln. 
Sprüche wie: „Da gibt es doch ein Tutorial im Internet“ oder „Geh doch mal zur Volkshochschule. Da werden Kurse angeboten“, bekomme ich oft zu hören. 
Fangen wir mal damit an, dass ich Dir erkläre wie ich mit dem Computer arbeite. Ich schreibe mit einer herkömmlichen Tastatur. Das habe ich schon in der Schule gelernt. Die Grundstellung der meisten Tastaturen ist ähnlich gelagert. Problematisch wird es bei Sonder- oder Funktionstasten. Die sind bei vielen Geräten unterschiedlich. Du kannst sehen wo bei welcher Tastatur die steuerungstaste, die Tabulatortaste oder die Entfernentaste ist. Ich nicht. Entweder probiere ich das solange aus, bis ich es herausgefunden habe, oder ich brauche jemanden, der sieht und mir sagen kann wo diese Tasten liegen. Bei Sondertasten ist das genauso. 
Nun ist es aber nicht damit getan, dass ich auf dem Computer schreiben kann. Ich muss auch lesen können, was ich da geschrieben habe. Das passiert mit Hilfe eines Programms, welches im Hintergrund läuft, und mir das Geschriebene vorliest. Dieses Programm ist auch dafür zuständig mir alles anzusagen, was sich auf dem Bildschirm tut. Dazu sagt man Screen Reader, zu Deutsch Bildschirmvorleseprogramm. Damit kann ich Texte schreiben und korrigieren, im Internet surfen oder mein Bankkonto verwalten.   
Manchmal reicht es nicht aus, dass der Bildschirminhalt gesprochen wird, oder ich will nicht, dass jeder mithört was ich mache. Dann habe ich vor meiner Tastatur eine Braillezeile. Das ist ein Gerät, welches mir Zeichen und Wörter, die auf dem Bildschirm stehen, in Brailleschrift übersetzt. Das kann ich dann mit den Fingern lesen. Das funktioniert bei mir präziser als mit der Sprachausgabe, geht dafür aber nicht so schnell. Denn die Sprache kann ich sehr schnell einstellen. Das brauche ich, wenn ich einen Text möglichst schnell vorgelesen bekommen möchte. 
Ich gehe mal davon aus, dass Du mit einer Maus arbeitest und ganz normal sehen kannst. Du schaust also auf den Bildschirm und siehst sofort wo Deine Informationen stehen, wo sich was verändert und vor Allem wie Dein Text aussieht. Wenn Du im Internet unterwegs bist, siehst Du sofort wo Text steht, wo Du etwas hineinschreiben kannst und wohin Du klicken musst, um das ganze abzuschicken. Kurz, Du schaust einmal auf den Bildschirm und kannst ihn im Ganzen überblicken. 
Ich kann nur einen kleinen Ausschnitt auf dem Bildschirm auf einmal wahrnehmen. Stell Dir vor, Dein Bildschirm wäre mit einem großen Stück Bastelpappe zugedeckt, in welchem sich ein Loch befindet. Dieses Loch ist etwa eine Zeile hoch und etwa so breit wie Dein Zeigefinger lang ist. Und jetzt stell Dir vor, Du kannst Deinen Bildschirm nur durch dieses Loch sehen. Dann hast Du nur einen kleinen Ausschnitt, den Du sehen kannst. Willst Du wissen was rechts, links, über oder unter diesem Bereich steht, dann musst Du Dein Loch verschieben und erneut durchgucken. 
So in etwa funktioniert es, wenn ich mir einen Bildschirminhalt erschließe, den ich noch nicht kenne. Und so geht es auch auf Internetseiten. Der Bildschirm fängt links oben an, und hört rechts unten auf.  
Ähnlich funktioniert es auch bei Programmen, die ich neu bekommen habe. Du siehst, dass das eine zeitraubende Angelegenheit werden kann. Und manchmal ist es auch frustrierend, wenn di Seite    schlecht programmiert ist, und Dir deshalb nicht alles vorgelesen wird. Wenn eine Seite Barrierefrei für Blinde programmiert ist, finde ich mich ohne fremde Hilfe gut darauf zurecht. 
Screen Reader sind speziell für Blinde und Sehbehinderte Nutzer  programmiert worden. Sie beinhalten eine Menge Tricks und Tastenkombinationen, die es uns einfacher machen uns schnell auf dem Computer zurechtzufinden. Denn auch Blinde haben mehr zu tun als sich eine Seite Stundenlang zu erarbeiten. 
Ach ja, ein Blinder bedient seinen PC grundsätzlich mit der Tastatur. Die Maus ist nur etwas für Sehende, oder Sehbehinderte Nutzer, die die Maus auf dem Bildschirm noch mit den Augen verfolgen können. Wenn ich also an eine bestimmte Stelle des Bildschirms springen möchte, dann gibt es ein Tastenkürzel, welches mich hinbringt, oder ich kann mit einem Tastenbefehl eine vorher definierte Funktion ausführen. Habe ich also eine neue Internetseite vor mir, dann kann ich mit einem Tastenkürzel erst mal von Überschrift zu Überschrift springen, um mir einen groben Überblick zu verschaffen.
Bekommt ein Blinder ein solches Programm, dann braucht er eine Schulung, damit er auch effizient damit arbeiten kann. Ein Programm, das mir das Leben schwer macht, ist eine Belastung, eines, welches mir Erleichterung bringt, eine Entlastung. Und die habe ich erst, wenn ich die Tastaturkürzel, Tricks und Kniffe auswendig gelernt habe. 
Diese Einweisung macht jemand, der nicht nur mit dem Programm vertraut ist, sondern auch genau weiß wie Blinde und Sehbehinderte arbeiten, und wie die unterschiedliche Wahrnehmung funktioniert. Es gibt Anbieter, die sich darauf spezialisiert haben blinden Nutzern die Funktion von Programmen oder das Surfen im Internet so zu erklären, dass sie damit zurechtkommen. 
Es gibt tatsächlich Blinde User, die sich Programme gut alleine erarbeiten können. Genauso, wie es auch sehende Nutzer gibt, die ohne ein Handbuch wissen wie ein bestimmtes technisches Gerät funktioniert. Aber die meisten Blinden User freuen sich, wenn sie von einer Fachkraft geschult werden können. 
Es gibt diese Schulungen sowohl in der Gruppe als auch im Einzelunterricht. Das ist wie bei Sehenden Kursteilnehmer auch, die einen Gitarrenkurs belegen. Die einen kommen in der Gruppe zurecht, Andere haben mehr vom Einzelunterricht. Vor Allem wenn es sich um spezielle Inhalte handelt, die nicht so oft gefragt werden.
Ziel einer solchen Schulung sollte immer sein, das der Nutzer sich neue Inhalte alleine erschließen kann. Denn man muss nicht alles wissen. Man sollte nur wissen wo es steht. Und natürlich wie man auch blind an diese Informationen kommt. 

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 7

Ich stehe vor einer Gruppe Sechstklässler und erzähle den interessierten Schülern einiges zum Thema Blindheit. Ein Mädchen meldet sich und fragt ob meine Kinder auch blind sind. Nein, sind sie nicht. Und dann kommt die bereits vorprogrammierte Frage: „Die helfen doch bestimmt viel mit“. Ich beantworte die Frage mit einer Gegenfrage, obwohl man das nicht machen sollte. Ich schaue in die Runde und frage „Wer muss von Euch zuhause mithelfen?“ Die meisten melden sich. Auf die Frage nach den Aufgaben, die die Kinder im Haushalt erledigen müssen, melden sich eine Reihe von Kindern mit Tätigkeiten wie Staubsaugen, Aufräumen, Spülmaschine ausräumen usw. Und jetzt erkläre ich den Kindern, dass meine Kinder ähnliche Aufgaben haben wie sie selbst. Denn in erster Linie bin ich Mutter, und verhalte mich so wie Mütter sich eben verhalten, deren Kinder Pflichten haben. Meine Kinder müssen jedoch nicht meine Blindheit ausgleichen.

Okay, meine Kinder sehe, ich nicht. Daraus schlussfolgern viele normal sehende Personen, dass die sehenden Familienmitglieder die Sehbehinderung der Eltern ausgleichen müssen, indem sie für sie sorgen. Aber so ist es nicht. Meine Kinder müssen mich weder anziehen, meine Wäsche waschen oder mein Essen zubereiten. Ich wollte immer haben, dass die Kinder normal aufwachsen. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie nicht mehr Pflichten haben als andere Kinder sehender Eltern. Wenn ich also aufgrund meiner Sehbehinderung Hilfe brauchte, dann habe ich sie mir von anderen Personen geholt. Am liebsten waren mir hier Hilfen, die ich für eine bestimmte Tätigkeit bezahlte, oder Freunde, die nicht versuchten mich kleinzumachen.

Jetzt, wo sie älter geworden sind, haben sie auch mehr Pflichten im Haushalt. Das liegt aber nicht daran, dass ich bestimmte Tätigkeiten nicht machen kann, sondern daran, dass ich sie mit einem gewissen Maß an Selbständigkeit ausstatten möchte. Und dazu gehört nun einmal, dass sie bestimmte Pflichten und damit Verantwortung im Haushalt übernehmen.

Für mich als Mutter ist es beruhigend zu wissen, dass meine Kinder nicht verhungern oder im Dreck ersticken, wenn ich mal ein paar Tage nicht bei ihnen bin. Sie wissen wie man eine Waschmaschine bedient, mit einem Staubsauger oder Wischmob umgeht und wie man sich etwas zu Essen macht. Anfangs haben wir das zusammen gemacht. Jetzt passieren viele Dinge ohne mich. Wie bei vielen anderen Teenagern auch.

Und jetzt, liebe Eltern, die Ihr den Kopf darüber schüttelt. An Euch geht meine Frage: Was passiert, wenn Eure Kindern mal ausziehen? Und wie wird es Euren Kinder gehen, wenn Ihr mal ungeplant ins Krankenhaus oder verreisen müsst? Wenn Ihr Eure Kinder überbehütet, dann tut Ihr ihnen damit keinen Gefallen. Das gilt sowohl für ein Kind mit Behinderung als auch für ein nicht behindertes Kind. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten Verantwortung übernehmen dürfen. Und ebenso sollte jeder Mensch lernen, dass man auch scheitern kann. Auch das gehört zu den grundlegenden Erfahrungen, die wir Menschen machen und daraus lernen.

Welche Blühten das treiben kann, habe ich in der Grundschule meiner Kinder gesehen. Bei einem Elterngespräch eröffnete die Leiterin der Konferenz diese mit den Worten: „Das Kind befindet sich in einer besonderen Situation als ständig helfendes Kind blinder Eltern.“ Es versteht sich von selbst, dass ich sie unterbrochen habe. Ich habe sie daran erinnert, dass wir unsere Kinder lehren Behauptungen zu hinterfragen, bevor wir sie verbreiten. Und das sehe ich bei ihr nicht gegeben. Es wurde richtig still in dem Raum, bis sie erklärte, sie habe einmal gesehen, dass dieses Kind seinen Vater während einer großen Sportveranstaltung zu einer bestimmten Lehrkraft geführt habe.

Ich lade Euch ein in den Kommentaren über dieses Thema zu diskutieren.

Warum die Ansagen in Bus und Bahn so wichtig für mich sind.

Das Foto zeigt mich an einer Bushaltestelle.

Frankfurt Konstablerwache. Ich habe meine Tochter zum Zug begleitet und sitze in der S-Bahn Richtung nach Hause. Jetzt steht die Bahn seit ein paar Minuten da und fährt nicht weiter. Um mich herum macht sich Gemurmel breit. Und dann endlich höre ich die Ansage: „Aufgrund eines Wassereinbruchs in der Station Ostendstraße ist die Strecke nur eingleisig befahrbar. Daher verzögert sich unsere Weiterfahrt um voraussichtlich zehn Minuten.“ Okay, alles in Ordnung. Ich weiß jetzt Bescheid und kann entscheiden ob ich in der Bahn sitzen bleibe oder meinen Weg auf andere Weise fortsetze. 
An unseren s-Bahnen finde ich gut, dass auch am Bahnsteig angesagt wird welche Bahn als Nächstes einfährt, und wo sie endet. Das ermöglicht es mir ohne fremde Hilfe in den richtigen Zug zu steigen. Anderenfalls muss ich fremde Menschen danach fragen. Es wird vorausgesetzt, dass ich, nur weil ich blind bin, fremden Menschen sofort vertraue. Gut, ich komme damit zurecht. Ich weiß aber, dass es genügend Menschen gibt, die ein Problem damit haben darauf zu vertrauen, dass eine wild fremde Person ihnen die richtige Bahn nennt. Und was, wenn gerade keiner in meiner Nähe auf dem Bahnsteig steht? Ich löse das so, dass ich mich auch schon mal in die Türe stelle und in die Bahn hineinrufe. 

Ebenso gut finde ich, dass die Stationen in S- und U-Bahn angesagt werden. Ich kann also entspannt auf meinem Platz sitzen bleiben und abwarten bis ich da bin, ohne ständig fremde Personen Fragen zu müssen. Gerade nach einem langen Arbeitstag ist man nicht unbedingt darauf erpicht in ein Gespräch verwickelt zu werden. Und wenn dann noch angesagt wird auf welcher Seite sich der Ausstieg befindet, dann finde ich es richtig gut. Hier in Frankfurt funktioniert das in der Regel. 

Hier in der Gegend bin ich auch viel mit dem Bus unterwegs. Ich weiß, dass es stationsansagen gibt. Ich weiß aber auch, dass die gern mal leise gestellt oder abgeschaltet werden. Und wenn ich dann danach frage, bekomme ich schon mal die Antwort, dass die Ansage kaputt sei. Merkwürdig dabei ist nur, dass die Ansage in vielen Bussen nicht funktioniert, vor allemdann, wenn ich drin sitze. Ich glaube, dass die Busfahrer der meisten Subunternehmer noch lange nicht begriffen haben, dass auch Blinde und Sehbehinderte Fahrgäste im Bus mitfahren. 

Ich bin ortskundig, und kann in etwa abschätzen wo ich aussteigen muss. Allerdings kostet es mich mehr Konzentration als meine Mitreisenden. Und es gibt Situationen, wo es auch mal schief gegangen ist. 

Das muss etwa 2007 gewesen sein. Es war eiskalt und nachts kurz nach 23.00 Uhr. Ich hatte einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter mir. Also stieg ich in den fast leeren Bus und informierte den Busfahrer darüber, wo ich aussteigen möchte. Denn ich wusste, dass abends hier nie eine Ansage lief. Ich war so unkonzentriert, dass ich nicht auf die Fahrweise des Busses achtete. Die Ernüchterung kam, als er anhielt, und feststellte, dass er mich vergessen hatte. Gravenbruch Endhaltestelle war eine für mich absolut fremde Gegend. Er bot mir an wieder mit ihm zurückzufahren. Das wäre in einer halben Stunde. Aber ich konnte nicht im Bus bleiben, da er jetzt seine vorschriftsmäßige Pause machen wollte. Es war dunkel, es war kalt, und ich einfach nur müde. Und nun stand ich mutterseelenallein in einer Gegend, die ich nicht kannte. Also Plan B. Ich versuchte über die Taxizentrale einen Wagen zu bekommen. Aber ohne Adresse konnten die mir nicht helfen. Und ein Smartphone hatte ich damals noch nicht, dass mir diese hätte ansagen können.

Jetzt wurde es spannend. Denn nachts um halb zwölf hätte ich nicht gewusst wen ich anrufen könnte, der mich hätte aufsammeln können. Also rief ich mal auf unserem Polizeipräsidium an, und fragte nach der Adresse, damit ich ein Taxi dorthin bestellen konnte. Ein Mitarbeiter sagte mir, sie würden mal eben eine Streife vorbeischicken, die mir weiterhilft. Und einige Minuten später hielt ein Auto, und eine Frauenstimme sagte: „Frau Zoubek, hier ist ihr Abholservice“. Ich war selten so glücklich ein Polizeifahrzeug zu sehen. Und ich fand das richtig klasse, dass die Polizei mich nach Hause gefahren hat. 

Funktionierende Ansagen im öffentlichen Nahverkehr sind für mich genauso ein Teil von Barrierefreiheit wie für eine Person mit Kinderwagen eine Rampe oder Aufzug. Und jetzt noch etwas an die Adresse der Menschen, die sich dadurch gestört fühlen. Stellt Euch vor, ihr wärt so wie ich blind oder sehbehindert. Und dann denkt mal darüber nach was eben diese Ansagen für Euch bedeuten würden. 

Und jetzt lade ich Euch ein über diesen Beitrag zu diskutieren. Und wer meine Meinung teilt, der darf auch meinen Beitrag teilen.