Ich stehe vor einer Gruppe Sechstklässler und erzähle den interessierten Schülern einiges zum Thema Blindheit. Ein Mädchen meldet sich und fragt ob meine Kinder auch blind sind. Nein, sind sie nicht. Und dann kommt die bereits vorprogrammierte Frage: „Die helfen doch bestimmt viel mit“. Ich beantworte die Frage mit einer Gegenfrage, obwohl man das nicht machen sollte. Ich schaue in die Runde und frage „Wer muss von Euch zuhause mithelfen?“ Die meisten melden sich. Auf die Frage nach den Aufgaben, die die Kinder im Haushalt erledigen müssen, melden sich eine Reihe von Kindern mit Tätigkeiten wie Staubsaugen, Aufräumen, Spülmaschine ausräumen usw. Und jetzt erkläre ich den Kindern, dass meine Kinder ähnliche Aufgaben haben wie sie selbst. Denn in erster Linie bin ich Mutter, und verhalte mich so wie Mütter sich eben verhalten, deren Kinder Pflichten haben. Meine Kinder müssen jedoch nicht meine Blindheit ausgleichen.

Okay, meine Kinder sehe, ich nicht. Daraus schlussfolgern viele normal sehende Personen, dass die sehenden Familienmitglieder die Sehbehinderung der Eltern ausgleichen müssen, indem sie für sie sorgen. Aber so ist es nicht. Meine Kinder müssen mich weder anziehen, meine Wäsche waschen oder mein Essen zubereiten. Ich wollte immer haben, dass die Kinder normal aufwachsen. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie nicht mehr Pflichten haben als andere Kinder sehender Eltern. Wenn ich also aufgrund meiner Sehbehinderung Hilfe brauchte, dann habe ich sie mir von anderen Personen geholt. Am liebsten waren mir hier Hilfen, die ich für eine bestimmte Tätigkeit bezahlte, oder Freunde, die nicht versuchten mich kleinzumachen.

Jetzt, wo sie älter geworden sind, haben sie auch mehr Pflichten im Haushalt. Das liegt aber nicht daran, dass ich bestimmte Tätigkeiten nicht machen kann, sondern daran, dass ich sie mit einem gewissen Maß an Selbständigkeit ausstatten möchte. Und dazu gehört nun einmal, dass sie bestimmte Pflichten und damit Verantwortung im Haushalt übernehmen.

Für mich als Mutter ist es beruhigend zu wissen, dass meine Kinder nicht verhungern oder im Dreck ersticken, wenn ich mal ein paar Tage nicht bei ihnen bin. Sie wissen wie man eine Waschmaschine bedient, mit einem Staubsauger oder Wischmob umgeht und wie man sich etwas zu Essen macht. Anfangs haben wir das zusammen gemacht. Jetzt passieren viele Dinge ohne mich. Wie bei vielen anderen Teenagern auch.

Und jetzt, liebe Eltern, die Ihr den Kopf darüber schüttelt. An Euch geht meine Frage: Was passiert, wenn Eure Kindern mal ausziehen? Und wie wird es Euren Kinder gehen, wenn Ihr mal ungeplant ins Krankenhaus oder verreisen müsst? Wenn Ihr Eure Kinder überbehütet, dann tut Ihr ihnen damit keinen Gefallen. Das gilt sowohl für ein Kind mit Behinderung als auch für ein nicht behindertes Kind. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten Verantwortung übernehmen dürfen. Und ebenso sollte jeder Mensch lernen, dass man auch scheitern kann. Auch das gehört zu den grundlegenden Erfahrungen, die wir Menschen machen und daraus lernen.

Welche Blühten das treiben kann, habe ich in der Grundschule meiner Kinder gesehen. Bei einem Elterngespräch eröffnete die Leiterin der Konferenz diese mit den Worten: „Das Kind befindet sich in einer besonderen Situation als ständig helfendes Kind blinder Eltern.“ Es versteht sich von selbst, dass ich sie unterbrochen habe. Ich habe sie daran erinnert, dass wir unsere Kinder lehren Behauptungen zu hinterfragen, bevor wir sie verbreiten. Und das sehe ich bei ihr nicht gegeben. Es wurde richtig still in dem Raum, bis sie erklärte, sie habe einmal gesehen, dass dieses Kind seinen Vater während einer großen Sportveranstaltung zu einer bestimmten Lehrkraft geführt habe.

Ich lade Euch ein in den Kommentaren über dieses Thema zu diskutieren.

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Ein Kommentar zu „Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 7

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