Brandschutz für blinde Menschen

Welche Maßnahmen gibt es bereits, und was muß noch getan werden, um blinden Menschen das Thema Brandschutz nahezubringen?

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Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als mein ein Jahr jüngerer Bruder und ich im Wohnzimmer mit Streichhölzern und Papier zündelten. Eine ziemlich große Keksdose war unsere Feuerstelle, in die wir immer größere Fetzen Zeitungspapier warfen. Ich kann heute nicht mehr sagen wie es zugegangen ist. Auf einmal stand unsere kleine Feuerstelle samt der daneben liegenden Zeitung komplett in Flammen. Und wir waren damit komplett überfordert und total erschrocken. Zum Glück waren unsere Eltern sofort zur Stelle und konnten das Feuer löschen. Übrig blieb nur ein Brandloch im Teppich nebst der Erkenntnis, dass Feuer sich schneller ausbreiten kann als ich mir bisher vorstellen konnte.

Karl Matthias Schäfer schreibt heute bei mir einen Gastbeitrag zum Thema Brandschutz für blinde Menschen. Das Beitragsfoto zeigt ihn im karierten Hemd. Mit einer Hand bedient er ein Smartphone.

Was ist das Wichtigste am Brandschutz?

Dass man ihn thematisiert und die Menschen aufklärt. Viele Menschen können sich die Gewalt von Feuer, seine Auswirkungen und Zerstörungskraft überhaupt nicht vorstellen. Sehende Menschen können das Ausmaß einer Feuerkatastrophe und die Gefahren von Rauch, am Bildschirm verfolgen, wie z.B. jetzt wieder bei der Feuerkatastrophe in London. Menschen, die von Geburt an blind sind und die Ereignisse am Bildschirm nicht optisch verfolgen können, können sich die tatsächlichen Ausmaße eines Brandereignisses, nicht vorstellen. Also ist, besonders für diesen Personenkreis, Aufklärung unbedingt nötig.

Als ich vom Verein „Mission sicheres Zuhause“ angesprochen wurde einen Vortrag zum Thema „Brandschutz für blinde und sehbehinderte Menschen“, zu halten, suchte ich zunächst jemanden, der sich bereits eingehend mit dieser Thematik beschäftigt hatte. Ich war erstaunt, dass es hierzu bisher kaum Projekte und blindengerechtes Informationsmaterial gibt.

Ich habe lediglich ein Aufklärungsprojekt im Bereich Limburg-Weilburg, aus dem auch eine Info-DVD entstanden ist, entdeckt. Daneben eine Präsentation der hessischen Feuerwehr zum Herunterladen gefunden. Beide allerdings in der Bereitstellung praktisch unbrauchbar. Nur seheingeschränkte Menschen, die berufstätig sind und die entsprechenden Hilfsmittel beherrschen, können nun mal eine PowerPoint Präsentation anwenden. Die Audiodateien waren in einem Format hinterlegt, welches lediglich unter Windows abgespielt werden kann.

Es ist also an der Zeit eine groß angelegte Informationskampagne „Brandschutz für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen“ zu starten.

Ich selbst bin in einer Familie groß geworden, in der das freiwillige Engagement beim Deutschen roten Kreuz und der freiwilligen Feuerwehr, dazugehörte. Mir blieb dies jedoch, aufgrund meiner Erblindung seit meiner Geburt, verschlossen.

Als ich Leiter einer Seniorenwohnanlage in Kassel war, stellte ich hier zwei ungenutzte Häuser der Feuerwehr als Übungsobjekte zur Verfügung und ließ hier auch eine Rettungshundestaffel trainieren bzw. stellte ich mich als trainingsopfer der Hundestaffel zur Verfügung.

Wenn ich heute ein Flugzeug benutze, ist es bei den meisten Fluggesellschaften selbstverständlich, dass mir jemand die sicherheitsrelevanten Gegebenheiten erklärt. Wo ist der nächste Notausgang? Wo die Sauerstoffmaske und die Schwimmweste?

Ich habe aber noch nie in einem Hotel eingecheckt, in dem mir als blinder Gast, die hauseigene Brandschutzordnung erläutert wurde oder mir die Fluchtwege erklärt wurden. Vorhandene Brandschutzinformationen liegen nicht in einer für mich nutzbaren Form vor.

Heute verfügen die meisten blinden Menschen, die so mobil sind, dass sie alleine reisen, über eine elektronische Ausstattung, die es ermöglicht, Informationen aller Art aus dem Internet zu laden, sich über eine Sprachausgabe vorlesen zu lassen oder noch besser als Audiodatei abzuspielen. Jedes Hotel oder andere öffentliche Einrichtungen sollten ihre Brandschutzordnung abrufbar zur Verfügung stellen. Hotels verfügen über moderne Telefonanlagen. Darüber ist es auch möglich akustische Informationen bereitzustellen, die man dann unter einer hausinternen Rufnummer abrufen kann.

Blinden Menschen sollte die Gelegenheit gegeben werden, die Arbeit der Feuerwehr kennenzulernen, um Brandgefahren besser einschätzen zu können. Sie sollten die Handhabung einer feuerfesten Rettungsdecke kennen lernen und üben.

Wichtig ist für unseren Personenkreis auch einen Feuerlöscher benutzen zu können. Die meisten blinden Menschen verfügen noch über einen Sehrest. Ich selbst könnte z.B. durchaus noch Feuer erkennen und so in einer Notsituation mir einen Weg frei machen, wenn es keinen anderen Ausweg gibt.

Ähnlich wie das Beratungsangebot der Polizei, wie man seine Wohnung gegen Einbrecher schützen kann, sollte es ein individuelles Beratungsangebot für den privaten Brandschutz im häuslichen Bereich geben. Dieses Beratungsangebot muss unbedingt die besonderen Belange von Menschen mit Einschränkungen berücksichtigen.

In meinem Bereich wäre dies z.B. die Auswahl geeigneter Rauchmelder. Rauchmelder sind so laut und schrill, dass es mir manchmal nicht mehr möglich ist mich akustisch zu orientieren. Es ist schwierig zu hören, welcher Rauchmelder ausgelöst hat, wo evtl. der Brandherd ist und es ist auch schwer eventuelle Geräusche von Feuer noch zu hören. Hier entstehen unter Umständen noch zusätzliche Gefahren.

Im Dialogmuseum in Frankfurt beschäftigen wir mehr als 13 blinde und hochgradig sehbehinderte als Museumsführer.

Bei der Ausbildung unserer Mitarbeiter ist das Thema Evakuierung im Brandfall sehr wichtig. Wir achten darauf, dass sich unsere blinden Mitarbeiter regelmäßig mit Brandschutz beschäftigen. Bei der Einarbeitung wird Wert darauf gelegt, dass die Mitarbeiter jede Position der Notausgänge und der Feuermelder kennen. Und wichtig ist vor allem, dass sie die Fluchtwege mehrfach gehen. Dies ist auch im eigenen Zuhause sinnvoll.

Jeder der Mitarbeiter, der die Einarbeitung abschließt, muss beweisen, dass er alle Noteinrichtungen und die dazugehörigen Fluchtwege kennt. Dazu werden an allen, für Notfälle relevanten Punkten kleine Zettel, geklebt. Die Abschlussaufgabe der Sicherheitsunterweisung ist, möglichst viele dieser Zettel, in einer vorgegebenen Zeit, einzusammeln. Anschließend geht der Ausbilder die Strecke ab und sieht genau, wo sich der blinde Mitarbeiter evtl. Nicht richtig auskennt.

Ich war selbst in der Situation, dass ich ein Gebäude aus dem 7. Stockwerk verlassen musste, weil im 4. Stock eine Küche brannte. Ich saß am Schreibtisch als der Alarm losging. Normalerweise orientiere ich mich über alle mir zur Verfügung stehenden Sinneskanäle. Also über meinen geringen Sehrest, mit dem ich noch Farben und Kontraste wahrnehmen kann, mein sehr gutes Gehör, Geruchs- und Tastsinn. Der Alarm war so laut und schrill, dass ich mich überhaupt nicht mehr akustisch orientieren konnte. In einer solchen Situation wäre es für mich auch kaum möglich, einen Brandherd zu hören. Ich nahm meinen Langstock und lief den mir bekannten Fluchtweg über den Balkon ins Treppenhaus. Dieses war nicht verqualmt. Also konnte ich das Gebäude verlassen. Aber hier bereitete mir die Akustik wieder Probleme. Zum schrillen Rauchmelder kam noch der Hall im Treppenhaus hinzu. Da meine akustischen Orientierungspunkte hier nicht mehr funktionierten, wäre ich beinahe in die Tiefgarage gelaufen, wo ich dann, unter gewissen Umständen, in der Falle gesessen hätte.

Was wäre hier zu tun?

Für den Privathaushalt gibt es einen für blinde Menschen geeigneten Rauchmelder. Den Ei650W

http://www.marland.eu/produkte/c/sicherheit-1/p/rauchmelder-ei650w-mit-fernbedienung-und-funkmodul/

Die Rauchmelder können untereinander vernetzt werden und sind über ein Funkmodul miteinander vernetzbar. Sie können über eine gut bedienbare Fernbedienung gesteuert werden. Das bedeutet auch, dass man die Melder vorübergehend stummschalten kann, so dass nur noch der Rauchmelder zu hören ist, der den Alarm ausgelöst hat. Man weiß also, in welchem Raum die Rauchentwicklung entsteht.

Meine Idee:

Fluchtwege sollten nicht nur optisch angezeigt werden. Im Alarmfall sollte das Alarmgeräusch sich mit Sprachhinweisen abwechseln. Im Idealfall mit Anweisungen zur Richtung des Fluchtweges.

Zusammenfassung:

1. Wir brauchen eine groß angelegte Informationskampagne zum Brandschutz für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen

2. Jede öffentliche Einrichtung sollte ihre Brandschutzordnung barrierefrei zugänglich bereitstellen

3. Eine individuelle Brandschutzberatung im privaten Haushalt, die die Belange behinderter Hausbewohner berücksichtigt

4. Fluchtwege sollten nicht nur optisch angezeigt werden, sondern im Alarmfall auch Sprachhinweise geben

Karl Matthias Schäfer arbeitet als Geschäftsführer im Dialogmuseum Frankfurt. Außerdem ist er im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen – BSBH aktiv. Einen Einblick in den Alltag des Technik interessierten Berufspendlers könnt Ihr Euch auf diesem Video ansehen.

Ich lade alle an diesem Thema interessierten Leser dazu ein in den Kommentaren über dieses Thema zu diskutieren. Unsere Arbeit könnt Ihr dadurch unterstützen, indem Ihr diesen Beitrag teilt.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

5 Kommentare zu „Brandschutz für blinde Menschen“

  1. Danke für diese Thema. Als sehender lerne ich durch meine blinde Frau gerne dazu. Mache mir Gedanken die ansonsten ein Sehender nie machen würde. Wir hatten in unserem Mehrfamilienhaus vor ein paar Wochen durch unsere Hausverwaltung den Bundesweit üblichen Rauchmelder nehmen müssen. Jetzt lese ich hier von einen Rauchmelder mit Fernbedienung. Sehr schön…..aber die Gesetzeslage gerade bei Mehrfamilienhäusern bzw. wo man unter einer Hausverwaltung Zwangsaufsicht ist (egal ob Mieter oder Eigentümer) sind die Hände gebunden.

    Haben schon über 100 Euro verloren durch den Kauf von Telekom Home Produkt Rauchmelder etc. weil man unter Hausverwaltung nur das nehmen darf womit die Hausverwaltung Verträge hat.

    Gefällt mir

  2. Ich selber sitze im Rollstuhl und weiß wie es ist das gewisse Sachen einfach nicht berücksichtig werden. Finde es gut das es Menschen gibt die sich genau dafür einsetzen das auch wir, die beeinträchtigt sind, uns in einem Notfall zurecht finden!

    Liebe Grüße
    Steffi

    Gefällt 1 Person

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