Helfen oder lieber nicht?

Darf man einem blinden Menschen helfen? Und wie macht man das richtig? Hier ein paar grundlegende Tipps.

Frankfurt, S-Bahnstation Ostendstrasse. Es ist Samstag später Nachmittag, als ich aus der SBahn Steige und zügig in Richtung Rolltreppe aufwärts gehe. Ich mag diese Station nicht, und sehe daher zu, dass ich sie möglichst schnell hinter mich lasse. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und hatte bis eben noch einen historischen Krimi auf den Ohren. Als ich auf der Rolltreppe stehe, nehme ich wahr, dass ich mit einem Fuß zwischen zwei Treppen stehe. Ich tue nichts dagegen, da es mich nicht stört. Plötzlich fühle ich wie mich jemand links und rechts an den Hüften packt. Instinktiv hole ich mit einem Arm aus, nach dem Motto „Erst schlagen, dann fragen“. Schließlich weiß ich nicht warum ich hier gepackt werde. In diesem Moment höre ich eine weibliche Stimme sagen: „Ich habe Sie nur mal richtig hingestellt. Sie standen zwischen zwei Stufen.“ Ich glaube, wir waren beide ziemlich erschrocken.

Dieses Beispiel bringe ich oft an, wenn ich gefragt werde ob man einem Blinden helfen soll oder nicht.

Die Dame hat gesehen: Da ist eine blinde Frau, die falsch auf der Rolltreppe steht. Sie ist vermutlich von ihrem eigenen Empfinden ausgegangen, gepaart mit dem Gedanken: Wenn ich jetzt die Augen zu mache, könnte ich nicht sehen, dass ich zwischen zwei Stufen stehe. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man auch fühlt wie und wo man steht. Und da hat sie mal eben zugepackt, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie uns beide in Gefahr bringen könnte.

Ich finde es gut, wenn mir Menschen ihre Hilfe anbieten. Das lässt mir die Wahl die Hilfe anzunehmen oder nicht. Bekomme ich diese Hilfe aber regelrecht aufgedrückt, dann werde ich auch schon mal ungemütlich. Ich mag es z. B. überhaupt nicht, wenn man mich ungefragt anfasst oder wenn man versucht für mich zu denken, nur weil ich blind bin. Ich habe ein Problem mit den Augen, nicht mit dem Hirn.

Wenn ich Hilfe angeboten bekomme, und diese annehme, dann ist es auch meine Aufgabe meinem Gegenüber zu sagen welche Hilfe ich brauche. Schließlich bin ich hier die Expertin für meine Behinderung. Im Klartext heißt das, dass ich alt genug bin selbst einzuschätzen wann und wo ich mir helfen lassen möchte.

Also, wenn Ihr das Gefühl habt, dass jemand in Eurer Nähe Hilfe braucht, dann macht Euch bemerkbar und fragt einfach. „Kann ich helfen“, „Brauchen Sie Hilfe“ oder wie auch immer. Nur bitte redet mit einem Blinden. Der sieht das nicht, wenn Ihr ihn fragend anschaut. Und er wird sich erschrecken, wenn Ihr ihn ungefragt anfasst und versucht ihn irgendwohin zu schieben.

Es gibt Situationen, da möchte ich keine Hilfe annehmen. Das liegt vielleicht daran, dass ich alleine klarkomme, mir einen Weg erarbeite, oder einfach nur auf jemanden warte und nur deshalb an einem Ampelpfosten stehe. Das hat also nichts mit dem Anbieter der persönlich zu tun, sondern ausschließlich mit mir.

Es gibt aber auch Situationen, die ich einfach nur nervig finde. Das sind Fragen und Floskeln wie: „Kann man da nichts machen“? „Sie tun mir so leid“. Oder „Ich finde das toll, wie Sie ihr schweres Schicksal meistern“. Mal ehrlich: Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn jemand so etwas zu Euch sagt, den Ihr gerade mal 2 Minuten lang kennt?

Zum guten Schluss möchte ich ein Phänomen erwähnen, dass viele Blinde immer wieder erleben. Nämlich dass manche normal sehenden meinen besonders laut und deutlich mit uns sprechen zu müssen. Ich bin sehbehindert und nicht taub.

Im vergangenen Sommer war ich im zwei Minuten entfernten Einkaufszentrum. Als ich wieder draußen war, regnete es in Strömen. Also stand ich erst mal unter der Überdachung und überlegte, ob ich den Regenguss abwarten und trocken nach hause komme, oder ob ich lieber durch den Regen renne und mich dann umziehe. Ich hatte mich extra an die Seite gestellt, um niemandem im Weg zu stehen. Auf einmal brüllte mir ein Herr ins Ohr: „Also, Sie sehen es nicht. Deshalb sage ich es Ihnen. Es regnet.“ Nun, was soll ich sagen? Meine Facebookfreunde hatten viel Spaß mit dieser Geschichte. Denn schließlich ist geteilte Freude auch doppelte Freude.

Weißt du wer ich bin?

Wie gut können blinde Menschen jemanden an der Stimme erkennen? Wie grüße ich eine blinde Person auf der Straße, und wie vermeide ich unangenehme Situationen?

Ich habe einen ganz geringen Sehrest, der mich grobe Umrisse erkennen lässt, jedoch keine Details. Ich kann also sehen wenn jemand vor mir steht, und ob dieser Mensch größer oder kleiner ist als ich. Nicht aber ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt. Jedenfalls nicht solange dieser Mensch nicht spricht. Bei für mich guten Lichtverhältnissen kann ich sehen ob jemand hell oder dunkel gekleidet ist. Gesichter habe ich noch nie sehen können. Farben auch nicht, sondern Grautöne.

Ich habe gelernt mein Restsehen gut einzusetzen, so dass ich mich draußen grob damit orientieren kann. Bürgersteige und Hindernisse fühle ich mit dem Blindenlangstock. Ansonsten setze ich meinen Hörsinn ein, um beispielsweise zu hören wer so alles an mir vorbei läuft, ob eine Strasse stark befahren ist und so weiter. Bestimmte Geschäfte wie Apotheken oder Drogerien kann ich riechen.

Ich erlebe es immer wieder, dass mich Menschen ansprechen, denen ich nur selten begegnet bin. Passiert das durch ein einfaches „Hallo“ oder so, fühle ich mich erst mal nicht angesprochen. Es könnte ja auch ebenso gut jemand anderes sein, den die Person sieht und grüßen möchte. Ich habe es am liebsten, wenn man mir signalisiert, dass auch ich tatsächlich gemeint bin. Wer meinen Namen kennt, der darf ihn ruhig benutzen. Dafür habe ich ihn schließlich. Und ich weiß, dass ich tatsächlich gemeint bin. Alles andere verursacht Stress oder Missverständnisse. Stellt Euch vor, Ihr sprecht mit jemanden, den ich nicht gehört habe. Und ich antworte etwas unpassendes darauf, weil ich denke, ich sei gemeint. Wenn Euch das nichts ausmacht, dann ist es gut. Aber mir sind solche Situationen sehr unangenehm.

Am liebsten habe ich es, wenn man sich kurz zu erkennen gibt. Eine Begrüßung könnte beispielsweise lauten: „Hallo Lydia, ich bin es, Lieschen Müller“. Oder auch „Hi Lydia, ich bin Frau Schmidt aus der Apotheke“. Man darf sich auch zu erkennen geben und zugeben, das man meinen Namen gerade nicht weiß.

Was ich überhaupt nicht mag sind Ratespiele. Eine Nachbarin meiner Eltern findet es seit beinahe 30 Jahren noch immer großartig mich anzustupsen und mich raten zu lassen wer sie denn sei. Anfangs erkannte ich sie nicht gleich. Und dann ließ sie mich nicht vorbei. Für sie war es wohl ein Spaß. Sie wollte austesten ob ich sie trotz Blindheit an der Stimme erkenne. Für mich war das damals Stress pur. Schließlich wäre es peinlich gewesen die Nachbarin der eigenen Eltern nicht zu erkennen. Irgendwann habe ich mir ihre Stimme und ihren Geruch nach Zigaretten regelrecht eingeprägt.

Es ist richtig, dass ich stärker auf mein Gehör achte als der durchschnittliche normal sehende. Das heißt aber nicht, dass ich jeden an der Stimme erkennen kann, der mir irgendwann einmal über den Weg gelaufen ist. Das wäre genauso wie wenn ich behaupte: Jeder normal sehende kann jeden Menschen, den er mal gesehen hat, am Gesicht wiedererkennen. Natürlich gibt es Leute mit einem sog. Fotografischen Gedächtnis. Und es gibt auch blinde, die ein super tolles Gedächtnis für Stimmen haben. Ich habe es nicht.

Also, Eine Stimme, Die ich oft höre, erkenne ich auch sofort wieder. Eine Stimme, die ich nicht ganz so oft höre eben nicht gleich. Und dann ist es auch abhängig von der Geräuschumgebung. Es macht einen großen Unterschied ob ich die Stimme in einem geschlossenen Raum oder auf einer stark befahrenen Strasse höre. Und erst recht wenn ich dabei bin mich auf das Überqueren einer Strasse oder einen ankommenden Bus zu konzentrieren.

Also, macht mir doch einfach die Freude eines entspannenden Gesprächsbeginn. Für ein Ratespiel können wir uns gern später verabreden. Dann aber unter gleichen Bedingungen für alle beteiligten.

Waschen ohne hinzusehen

auf dem Bild bin ich vor meiner Waschmaschine zu sehen. Diese hat eine  LeuchtAnzeige.

Wenn ich sage, dass Waschen nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten gehört, dann kommt in neun von zehn Fällen die Bemerkung: „Für Dich als blinde ist das auch total schwierig“, oder „Deine Kinder helfen doch bestimmt dabei, oder nicht“? Zum ersten Mal hörte ich eine solche Frage, als meine Kinder im Kindergarten waren. Irgendwann habe ich auch mal gefragt: „Würdest Du Dein Kind im Alter von vier oder fünf Jahren an Deine Waschmaschine lassen“? Oder ich frage meinen Gesprächspartner in welchem Alter er zum ersten Mal selbst gewaschen hat.
Mir ist klar, dass jemand, der blinde nur aus berichterstattungen der regenbogenpresse kennt, nicht wissen kann wie ich dieses oder jenes mache. Blinde haben nicht zwangsläufig eine Haushaltshilfe, die ihre Wäsche mitmacht. Sicher, ich hätte auch manchmal gerne eine. Aber bekanntlich ist Dienerschaft teuer. Und so habe ich für mich entschieden mein Geld für andere Dinge auszugeben und meine Wäsche selbst zu waschen.

Wäsche farblich sortieren



Ich habe einen Behälter für Schmutzwäsche mit drei Sortierfächern. In das oberste Fach kommt die helle Wäsche rein, in die unteren beiden Fächer die dunkle Wäsche. Handtücher, Bettwäsche und andere große Teile kommen ganz oben drauf. Auf diese Weise kann ich sehr schnell feststellen wie viel von welcher Wäsche da ist und was ich als nächstes waschen kann.

Nun wäre es viel zu einfach den Inhalt aus dem Wäschefach in die Waschmaschine zu tu, und fertig. Da ich davon ausgehen muss, dass die Wäsche zwar sortiert ist, jedoch nicht unbedingt fehlerfrei, nehme ich mir einen leeren Wäschekorb mit an den Behälter für die Schmutzwäsche. Ich nehme jedes Wäschestück in die Hand, prüfe ob sich was in Taschen befindet, oder ob es nach links gedreht werden möchte, und lege es dann in meinen leeren Korb. So kann ich auch fühlen, wenn der Inhalt zu viel für die Waschmaschine wird.

Ich verfüge über einen kleinen Sehrest, der es mir ermöglicht helle und dunkle Wäsche zu unterscheiden. Allerdings fehlt mir das Farbsehen, so dass ich nicht feststellen kann, ob das Kleidungsstück Blau, Rosa oder grün ist. Wenn ich das wissen möchte, nehme ich ein Farberkennungsgerät zur Hand, mit dessen Hilfe ich das feststellen kann. In der Regel kenne ich die Wäschestücke in meinem Haushalt und weiß somit wie diese gepflegt werden wollen. Wenn etwas neu ist, stelle ich erst mal fest ob es färben kann, bevor ich es in die Familienwäsche lasse.

Kommen wir zum ‚Thema Socken passend sortieren. Ich habe hier zu Hause die Regel eingeführt, dass die Socken nach dem Ausziehen einfach zusammen gesteckt werden. So habe ich sie passend zusammen und befestige sie an Sockenringen. So bleiben sie auch während des Waschens zusammen. Natürlich gehen auch mal welche auseinander. Die muss ich dann von Hand sortieren. Aber die Menge bleibt überschaubar.



Waschmaschine

Voraussetzung ist eine Waschmaschine, die für mich blind bedienbar ist. Ältere Modelle sind es oft noch, bei neueren Modellen muss man oft lange suchen. Meine Waschmaschine hat einen Drehregler, der bei jedem Programm einrastet, und ein paar klar definierte Drucktasten für Kurzwaschgang, Drehzahl oder Temperatur. Da ich mit meinem Sehrest Helle Schrift auf dunklem Hintergrund lesen kann, habe ich darauf geachtet, dass meine Maschine das hat. Alternativ kann man sich bestimmte Stellen am Drehregler der Waschmaschine fühlbar machen, indem man tastbare Punkte aufklebt. Was absolut nicht geht sind Schalter, die nicht fühlbar sind und auf Berührung reagieren.

Dosieren von Waschpulver oder Weichspüler mache ich entweder nach Gefühl, wenn ich ein bekanntes Produkt nehme, oder ich benutze auch mal einen Messlöffel.



Nach dem Waschen



Ich erlebe immer wieder, dass normal sehende versuchen mich davon zu überzeugen, dass ein Wäschetrockner die beste Lösung für blinde Menschen sei. Ich besitze tatsächlich einen. Er hat nur einen Drehregler, und ist also für mich blind bedienbar. Dennoch nutze ich ihn selten. Ich bin der Meinung, dass die Wäsche auf dem Wäscheständer gut trocknet. Außerdem finde ich, dass die Geräte zu viel Strom verbrauchen. Mein Wäschetrockner kommt also nur dann zum Einsatz, wenn es wirklich schnell gehen muss, oder viele große Wäschestücke gewaschen werden müssen, wie z. B. Kopfkissen oder Bettwäsche.

Wäsche aufhängen ist für mich kein Problem. Ich richte den Pullover, die Hose oder was auch immer auf dem Wäscheständer aus und streiche es glatt. So ist es einfacher die Wäsche später faltenfrei zusammenzulegen. Und zwar so, dass man sich damit problemlos auf die Strasse trauen kann.

Beim Zusammenlegen der Wäsche habe ich am liebsten eine ebene Fläche. Darauf wird das Wäschestück gelegt und noch mal ausgestrichen. Nähte und Form fühle ich. Somit kann ich auch einschätzen wo die Mitte eines Oberteils ist. Wäsche zusammenlegen geht bei mir ebenso schnell wie bei einem normal sehenden. Der eine sieht, der andere tastet und letztendlich zählt das Ergebnis nach Jahrelanger Erfahrung.

Also,wenn ich sage, dass Wäsche waschen nicht gerade zu meinen liebsten Hobbys zählt, dann hat das nichts mit meiner Sehbehinderung zu tun, sondern mit meiner Vorliebe für andere Dinge. Ach ja, noch weniger als waschen mag ich Bügeln. Und ich denke, da befinde ich mich mit vielen anderen in guter Gesellschaft. Doch solange noch kein bezahlbarer Bügelautomat auf den Markt kommt, werde ich meine Bügelwäsche selbst machen oder beim Kleiderkauf nach bügelfreien Sachen schauen müssen.

Blind einkaufen Teil 1

Das Bild zeigt mich mit Blinden Stock und Shopper am Obststand eines Supermarktes.

Immer wieder werde ich gefragt wie blinde Menschen einkaufen gehen. Daher möchte ich im Folgenden auf dieses Thema eingehen.
Zunächst einmal ganz wichtig: den typischen Blinden gibt es nicht. Somit gibt es auch keine typische Vorgehensweise wie blinde einkaufen. Das was auf mich und meine Vorgehensweise zutrifft ist für einen anderen blinden nicht zwangsläufig die beste Lösung.

Als erstes einmal will ich auf die art des Einkaufens bei vielen normal sehenden eingehen. Manche machen sich zuhause einen Einkaufszettel und arbeiten diesen strickt ab, fertig. Andere machen sich vielleicht irgendwelche Notizen und lassen sich ein stückweit inspirieren, und wieder andere machen sich gar keinen Einkaufszettel und schauen was es so im Angebot gibt, und ob sie das haben möchten. Kurz, jeder hat seine Vorgehensweise, mit der er am besten zurechtkommt.

Auch ich gehöre zu denjenigen, die sich nie einen Zettel schreiben. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Blinden ein super tolles Gedächtnis haben, sondern ist mehr meiner Faulheit geschuldet. Einen Zettel mache ich nur dann, wenn ich eines meiner Kinder zum Einkaufen schicke. Also eher selten. Aber einfach mal eben so durch den Supermarkt bummeln und durch die Regale stöbern geht auch nicht. Es würde für mich bedeuten, dass ich jedes Regal mit Inhalt einzeln ertasten müsste. Das ist mir persönlich zu stressig und zu Zeitintensiv.

Meist gehe ich in den Supermarkt meines Vertrauens. Hier kenne ich die grobe Anordnung der Produkte. Am liebsten gehe ich früh morgens einkaufen, wenn noch nicht so viel Betrieb herrscht. Zum einen lässt es sich entspannter einkaufen, zum zweiten kann ich mir helfen lassen, wenn ich ein Produkt nicht gefunden habe oder Fragen auftauchen.

Bei Dingen wie Obst oder Gemüse brauche ich keine Hilfe. Auch wenn es noch immer Leute gibt, die mir, sobald ich etwas in die Hand nehme, erklären wollen was ich da gerade in Händen halte. So Kommentare wie „Das was sie in der Hand haben ist eine Gurke“, oder „Das sind Bananen“ empfinde ich als absolut überflüssig. Leute, ich bin zwar blind, aber nicht doof! Ich sage doch auch nicht zu einer sehenden Frau: „Das was sie auf ihrem Kopf fühlen sind ihre Haare“, oder „Das unter ihren Fußsohlen sind ihre Schuhe“. Was Qualität von Obst oder Gemüse angeht, das rieche und fühle ich. Und wenn ich etwas abwiegen muss, dann packe ich die Menge, die ich haben möchte, in eine Tüte und lasse dies an der Kasse abwiegen. Gut, dass es diese Möglichkeit gibt. Denn die Waagen im Supermarkt sind nicht barrierefrei.

Hilfe brauche ich bei Dingen, die ziemlich unkenntlich verpackt sind. Ich meine jetzt nicht, dass sie nicht gekennzeichnet sind, sondern dass die Form der Verpackung nicht unbedingt auf den Inhalt schließen lässt. Hier mal ein Beispiel. Wenn ich Nudeln habe, die in einer flexiblen Plastikverpackung sind, kann ich durch Erfühlen feststellen ob es sich um Spaghetti, Spiralnudeln oder Penne handelt. Sind diese aber in einem gleich großen Karton verpackt, dann wird es schwieriger. Denn auch wenn man die Verpackung schüttelt, kann man nicht immer hören was genau darin ist. Besonders spannend wird es dann bei Salaten, Käsescheiben oder Konservendosen.

Meistens mache ich das so, dass ich erst einmal die Sachen zusammensuche, die ich alleine finden kann. Die wenigen, die übrig bleiben, lasse ich mir dann von einem der Mitarbeiter heraussuchen. Das sind in der Regel die Dinge, die nicht eindeutig verpackt sind, oder die ich nur selten einkaufe.

Jeder, der für eine Familie einkauft weiß, dass einmal einkaufen nicht ausreicht. Und erst recht nicht, wenn man diesen ohne Auto bewerkstelligt und Wert auf frisches Obst und Gemüse im Haus legt. Seit einiger Zeit habe ich eine sehende Freundin, mit der ich einmal in der Woche noch mal einkaufen gehe. Hier kann ich auch mal nach Neuheiten oder Aktionsangeboten fragen. Ich empfinde das als entspannend, da ich mich nicht so sehr konzentrieren muss, als wenn ich alleine einkaufen gehe.

Früher hatte ich das Gefühl, dass der Supermarkt meines Vertrauens die Ordnung der Ware recht oft änderte. Da ich damals nicht die Möglichkeit hatte morgens einkaufen zu gehen, und das ständige suchen mir Stress bereitete, bezahlte ich Jahrelang jemanden, der alle paar Wochen mit mir zu Aldi oder so fuhr. Mit dem Auto konnte man alles einkaufen und mitnehmen, was sich hält. Mit dem restlichen Einkauf konnte ich problemlos alleine fertig werden. Als diese Assistenz mir irgendwann nicht mehr zur Verfügung stand, habe ich auf der Suche nach Lösungen alles Mögliche ausprobiert.

In einem anderen Supermarkt musste ich die Erfahrung machen, dass ich zwar Hilfe beim Einkaufen bekam, jedoch unter Bedingungen, die nicht schön waren. Einmal musste ich miterleben wie zwei Mitarbeiter sich darüber Stritten wer den jetzt mit der blinden Frau einkaufen gehen muss. Oder man stellte mir eine Praktikantin zur Seite, die sich nicht besser in dem Supermarkt auskannte als ich es tat. Das Highlight war dann, dass ich eine Mitarbeiterin hatte, deren Kenntnisse der deutschen Sprache so schlecht waren, dass ich mich kaum mit ihr verständigen konnte. Ich habe dann die Sachen, die ich dort suchte, woanders gekauft und um dieses Geschäft lange Zeit einen großen Bogen gemacht.

Ich erinnere mich noch an einen Einkauf bei Real, der mich wirklich begeistert hat. Ich hatte dort angerufen und nachgefragt ob ich Hilfe bekommen könnte. An der Information wurde ich von einer echt taffen Auszubildenden abgeholt, die sich erst mal ein grobes Bild von meinen Einkaufswünschen machte und dann sehr systematisch durch den Markt ging. Dabei las sie mir auch Sonderangebote und Aktionen vor, was ich richtig klasse fand.

Oft bekomme ich die Frage gestellt wie ich meinen Einkauf denn nach Hause bekomme. Das ist eine berechtigte Frage. Nun, einen kleinen Einkauf bekomme ich im Rucksack nach Hause. Allerdings bin ich kein Fan davon schwere Einkäufe nach hause zu tragen. Ich bevorzuge einen Ziehwagen, den ich hinter mir herziehen kann. Anstatt die Produkte in einen großen Einkaufswagen zu füllen, dieses sperrige Teil hinter mir herzuziehen und mich anschließend darüber zu ärgern, das mein Einkauf nicht mehr in meinem kleinen Wagen passt, nehme ich gleich den Shopper und laufe damit durch den Supermarkt. So habe ich sofortige Kontrolle darüber, ob mein Einkauf nicht zu viel für das kleine Teil ist. Außerdem ist mein Wagen leichter zu handhaben.

Natürlich gibt es inzwischen einige Supermärkte, die nach hause liefern, oder Onlineportale, bei denen man ein reichhaltiges Angebot findet. Allerdings konnte ich mich noch nicht damit anfreunden. Dafür liebe ich es einfach zu sehr meinen Einkauf selbst zu machen. Allerdings nutze ich solche Portale auch schon mal zum virtuellen Schaufensterbummel. Jedenfalls wenn die Beschreibungen der Artikel gut und die Portale barrierefrei sind.

Als blindes Vorschulkind in Deutschland

An das erste halbe Jahr in Deutschland kann ich mich nur sehr lückenhaft erinnern. Ich weiß, dass ich meinen Vater kennen lernte, den ich bisher nur aus Erzählungen kannte. Ich weiß auch, dass wir während dieser Zeit einige Male umgezogen sind, da mein Vater an verschiedenen Orten arbeitete. In dieser Zeit lernten mein ein Jahr jüngerer Bruder, meine Mutter und ich ein bisschen deutsch.

Kurz vor Weihnachten 1972 zogen wir nach Neu-Isenburg, wo mein Vater Arbeit in einer Chemiefabrik gefunden hatte. Für die nächsten Jahre war eine Zweieinhalbzimmerwohnung nebst einer Wohnküche unser Zuhause. Dazu gehörte eine Toilette, die ein Stockwerk tiefer lag als unsere Wohnung, und die wir uns mit mehreren Mietern teilten. Ein Bad gab es nicht. Lediglich eine Spüle in der Küche, Wollte man Baden oder Wäsche Waschen, so wurde erst mal Wasser auf dem Gasherd erhitzt und in einen Waschzuber gegossen. Und zur großen Freude meiner Mutter gehörte auch ein kleiner garten dazu. Mein Bruder und ich hatten zum ersten Mal ein eigenes Kinderzimmer.

Am liebsten mochte ich unsere Küche. Und hier verbrachten wir auch die meiste Zeit. Während meine Mutter Kochte, Wusch oder anderen Arbeiten nachging, sprach oder sang sie mit uns Kindern. Am Küchentisch wurde gemalt, gebastelt, und später auch Hausaufgaben gemacht. Kamen uns andere Frauen besuchen, so saßen sie ebenfalls mit in der Küche. Es war der Raum, der für mich die meiste Gemütlichkeit ausstrahlte und am besten roch. – Wahrscheinlich liebe ich deshalb Wohnküchen noch immer so sehr, weil ich so schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit damit verbinde.

So langsam lebten wir uns ein und kamen etwas zur Ruhe. Ich lernte, dass ich im Winter Handschuhe und Mütze tragen musste, was ich vorher überhaupt nicht kannte. Und so nach und nach fanden wir Anschluss in der Stadt. Unser Bekanntenkreis bestand zwar größtenteils aus Arabern. Dennoch lernten wir nach und nach immer mehr deutsch. Meine Mutter konnte sich mit etwas englisch und Händen und Füssen verständigen. Aber für mich galt dies nicht. Ich verfügte weder über Englischkenntnisse, noch konnte ich Gesten oder Mimik sehen. Daher war es für mich noch wichtiger so schnell wie möglich deutsch zu lernen, weil dies der einzige Weg war mich Menschen, die nicht arabisch sprachen, mitzuteilen. Meine Mutter hat sehr früh erkannt, dass es wichtig ist die deutsche Sprache zu beherrschen. Also haben wir manchmal untereinander versucht deutsch zu sprechen. Und irgendwann habe ich meine Mutter einfach überholt, so dass ich mit sechs Jahren bei Behördengängen in der Lage war zu übersetzen, wenn die Deutschkenntnisse meiner Mutter nicht ausreichten. Sie verstand zwar das meiste, konnte sich jedoch nicht so gut artikulieren wie ich es inzwischen konnte.

Und da meine Mutter ganz offen mit mir über die behördlichen Dinge sprach, lernte ich schnell welche Stelle für was zuständig war. Ich wusste also im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren schon, dass Eltern für jedes Kind Kindergeld bekommen, dass das Arbeitsamt für die Arbeit zuständig war, dass das Sozialamt sich um Menschen kümmerte, dienicht genügend Geld hatten und dass wir alle sechs Monate auf das Landratsamt mussten, um unsere Aufenthaltserlaubnis für Deutschland verlängern zu lassen. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich etwas besser konnte als der Rest meiner Familie.

Als blindes Kind arabischer Eltern

Mein Name Ist Lydia. Ich lebe seit mehr als 40 Jahren in Deutschland. Ich wurde als Kind arabischer   Eltern in Jordanien geboren. Als ich etwa vier Monate alt war, fiel meinen Eltern auf, dass irgendetwas mit meinen Augen nicht normal war. Ab da taten meine Eltern alles aus ihrer Sicht Menschen mögliche, um mir zu helfen.

In manchen Gegenden ist es noch heute gängige Praxis Kinder mit einer Behinderung im Verborgenen aufwachsen zu lassen. Teilweise aus Angst vor Minderwertigkeit anderen Familien gegenüber, teilweise aber auch aus Unwissenheit heraus. Und nicht jeder hält es gleich gut aus sich dem Spott anderer auszusetzen.

Mein Vater, der bereits vor seiner Heirat einige Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, ging dorthin zurück. Denn dort gab es Arbeit und damit auch Geld, um die Familie zu ernähren und die blinde Tochter behandeln zu können. Zu diesem Zeitpunkt glaubten meine Eltern noch an eine Heilung für mich und klammerten sich noch Jahre lang an jeden noch so dünnen Strohhalm.

Meine Mutter versteckte mich nicht. Sie nahm mich überall hin mit. Ich wuchs mit dem Wissen auf, dass ich ein armes blindes Mädchen war. Denn das bekam ich täglich zu hören, bis ich es einfach als gegeben hinnahm. Und dann war noch die Tatsache, dass ich einen Vater hatte, der in Almanja, das ist das arabische Wort für Deutschland, arbeitete. Und dass war zu weit weg, um nach der Arbeit zu uns nach hause zu kommen Und deshalb lebte meine Mama mit mir und meinem ein Jahr jüngeren Bruder eben bei Oma und Opa
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Ich war vier Jahre alt, als meine Mutter erklärte, dass wir zu meinem Vater fliegen würden. Damals fand ich das ungeheuer spannend. Erst recht, da alle Menschen, die ich kannte, nur positives von Deutschland zu berichten wussten.

Ich konnte damals nicht wissen, dass sich mein Leben von Grund auf ändern würde. Es war der weg vom Dasein eines armen blinden Mädchens hin zu einer Frau, die ihr Leben selbst bestimmt lebt. Dazu gehören fast erwachsene Kinder, zwei Katzen, Berufstätigkeit und noch einiges mehr.

Ich möchte euch einladen mich auf diesem Weg zu begleiten.