Wenn der Bus wo anders hält

Wenn der Bus nicht an der vorgeschriebenen Haltestelle hält, hat das für blinde Fahrgäste auch mal unerfreuliche Folgen. Hier erkläre ich warum das so ist, und welche Lösungen es gibt.

Das Beitragsbild zeigt mich neben dem Schild einer Bushaltestelle.

Neu-Isenburg, Bushaltestelle Herzogstraße.
Es ist fast 19:00 Uhr, als ich dort ankomme. Außerdem regnet es. Zwei Gründe, warum hier kaum jemand steht. Außerdem verändert der Regen die Akustik so sehr, dass ich die Geräusche anders wahrnehme. Insgesamt ist es sehr laut, da momentan ziemlich zäher Verkehr auf der Straße herrscht. Vermutlich wird mein Bus einige Minuten Verspätung haben.

Ich habe mich neben das Bushaltestellenschild positioniert. Das ist für mich ein markanter Punkt. Damit verbinde ich auch die Hoffnung, dass ich schnell genug an die vordere Tür eines haltenden Busses gelangen kann. Denn die brauche ich, um den Busfahrer nach der Linie zu fragen. Schließlich halten hier vier Linien mit unterschiedlichen Fahrzielen.
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Blind einkaufen Teil 1

Das Bild zeigt mich mit Blinden Stock und Shopper am Obststand eines Supermarktes.

Immer wieder werde ich gefragt wie blinde Menschen einkaufen gehen. Daher möchte ich im Folgenden auf dieses Thema eingehen.
Zunächst einmal ganz wichtig: den typischen Blinden gibt es nicht. Somit gibt es auch keine typische Vorgehensweise wie blinde einkaufen. Das was auf mich und meine Vorgehensweise zutrifft ist für einen anderen blinden nicht zwangsläufig die beste Lösung.

Als erstes einmal will ich auf die art des Einkaufens bei vielen normal sehenden eingehen. Manche machen sich zuhause einen Einkaufszettel und arbeiten diesen strickt ab, fertig. Andere machen sich vielleicht irgendwelche Notizen und lassen sich ein stückweit inspirieren, und wieder andere machen sich gar keinen Einkaufszettel und schauen was es so im Angebot gibt, und ob sie das haben möchten. Kurz, jeder hat seine Vorgehensweise, mit der er am besten zurechtkommt.

Auch ich gehöre zu denjenigen, die sich nie einen Zettel schreiben. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Blinden ein super tolles Gedächtnis haben, sondern ist mehr meiner Faulheit geschuldet. Einen Zettel mache ich nur dann, wenn ich eines meiner Kinder zum Einkaufen schicke. Also eher selten. Aber einfach mal eben so durch den Supermarkt bummeln und durch die Regale stöbern geht auch nicht. Es würde für mich bedeuten, dass ich jedes Regal mit Inhalt einzeln ertasten müsste. Das ist mir persönlich zu stressig und zu Zeitintensiv.

Meist gehe ich in den Supermarkt meines Vertrauens. Hier kenne ich die grobe Anordnung der Produkte. Am liebsten gehe ich früh morgens einkaufen, wenn noch nicht so viel Betrieb herrscht. Zum einen lässt es sich entspannter einkaufen, zum zweiten kann ich mir helfen lassen, wenn ich ein Produkt nicht gefunden habe oder Fragen auftauchen.

Bei Dingen wie Obst oder Gemüse brauche ich keine Hilfe. Auch wenn es noch immer Leute gibt, die mir, sobald ich etwas in die Hand nehme, erklären wollen was ich da gerade in Händen halte. So Kommentare wie „Das was sie in der Hand haben ist eine Gurke“, oder „Das sind Bananen“ empfinde ich als absolut überflüssig. Leute, ich bin zwar blind, aber nicht doof! Ich sage doch auch nicht zu einer sehenden Frau: „Das was sie auf ihrem Kopf fühlen sind ihre Haare“, oder „Das unter ihren Fußsohlen sind ihre Schuhe“. Was Qualität von Obst oder Gemüse angeht, das rieche und fühle ich. Und wenn ich etwas abwiegen muss, dann packe ich die Menge, die ich haben möchte, in eine Tüte und lasse dies an der Kasse abwiegen. Gut, dass es diese Möglichkeit gibt. Denn die Waagen im Supermarkt sind nicht barrierefrei.

Hilfe brauche ich bei Dingen, die ziemlich unkenntlich verpackt sind. Ich meine jetzt nicht, dass sie nicht gekennzeichnet sind, sondern dass die Form der Verpackung nicht unbedingt auf den Inhalt schließen lässt. Hier mal ein Beispiel. Wenn ich Nudeln habe, die in einer flexiblen Plastikverpackung sind, kann ich durch Erfühlen feststellen ob es sich um Spaghetti, Spiralnudeln oder Penne handelt. Sind diese aber in einem gleich großen Karton verpackt, dann wird es schwieriger. Denn auch wenn man die Verpackung schüttelt, kann man nicht immer hören was genau darin ist. Besonders spannend wird es dann bei Salaten, Käsescheiben oder Konservendosen.

Meistens mache ich das so, dass ich erst einmal die Sachen zusammensuche, die ich alleine finden kann. Die wenigen, die übrig bleiben, lasse ich mir dann von einem der Mitarbeiter heraussuchen. Das sind in der Regel die Dinge, die nicht eindeutig verpackt sind, oder die ich nur selten einkaufe.

Jeder, der für eine Familie einkauft weiß, dass einmal einkaufen nicht ausreicht. Und erst recht nicht, wenn man diesen ohne Auto bewerkstelligt und Wert auf frisches Obst und Gemüse im Haus legt. Seit einiger Zeit habe ich eine sehende Freundin, mit der ich einmal in der Woche noch mal einkaufen gehe. Hier kann ich auch mal nach Neuheiten oder Aktionsangeboten fragen. Ich empfinde das als entspannend, da ich mich nicht so sehr konzentrieren muss, als wenn ich alleine einkaufen gehe.

Früher hatte ich das Gefühl, dass der Supermarkt meines Vertrauens die Ordnung der Ware recht oft änderte. Da ich damals nicht die Möglichkeit hatte morgens einkaufen zu gehen, und das ständige suchen mir Stress bereitete, bezahlte ich Jahrelang jemanden, der alle paar Wochen mit mir zu Aldi oder so fuhr. Mit dem Auto konnte man alles einkaufen und mitnehmen, was sich hält. Mit dem restlichen Einkauf konnte ich problemlos alleine fertig werden. Als diese Assistenz mir irgendwann nicht mehr zur Verfügung stand, habe ich auf der Suche nach Lösungen alles Mögliche ausprobiert.

In einem anderen Supermarkt musste ich die Erfahrung machen, dass ich zwar Hilfe beim Einkaufen bekam, jedoch unter Bedingungen, die nicht schön waren. Einmal musste ich miterleben wie zwei Mitarbeiter sich darüber Stritten wer den jetzt mit der blinden Frau einkaufen gehen muss. Oder man stellte mir eine Praktikantin zur Seite, die sich nicht besser in dem Supermarkt auskannte als ich es tat. Das Highlight war dann, dass ich eine Mitarbeiterin hatte, deren Kenntnisse der deutschen Sprache so schlecht waren, dass ich mich kaum mit ihr verständigen konnte. Ich habe dann die Sachen, die ich dort suchte, woanders gekauft und um dieses Geschäft lange Zeit einen großen Bogen gemacht.

Ich erinnere mich noch an einen Einkauf bei Real, der mich wirklich begeistert hat. Ich hatte dort angerufen und nachgefragt ob ich Hilfe bekommen könnte. An der Information wurde ich von einer echt taffen Auszubildenden abgeholt, die sich erst mal ein grobes Bild von meinen Einkaufswünschen machte und dann sehr systematisch durch den Markt ging. Dabei las sie mir auch Sonderangebote und Aktionen vor, was ich richtig klasse fand.

Oft bekomme ich die Frage gestellt wie ich meinen Einkauf denn nach Hause bekomme. Das ist eine berechtigte Frage. Nun, einen kleinen Einkauf bekomme ich im Rucksack nach Hause. Allerdings bin ich kein Fan davon schwere Einkäufe nach hause zu tragen. Ich bevorzuge einen Ziehwagen, den ich hinter mir herziehen kann. Anstatt die Produkte in einen großen Einkaufswagen zu füllen, dieses sperrige Teil hinter mir herzuziehen und mich anschließend darüber zu ärgern, das mein Einkauf nicht mehr in meinem kleinen Wagen passt, nehme ich gleich den Shopper und laufe damit durch den Supermarkt. So habe ich sofortige Kontrolle darüber, ob mein Einkauf nicht zu viel für das kleine Teil ist. Außerdem ist mein Wagen leichter zu handhaben.

Natürlich gibt es inzwischen einige Supermärkte, die nach hause liefern, oder Onlineportale, bei denen man ein reichhaltiges Angebot findet. Allerdings konnte ich mich noch nicht damit anfreunden. Dafür liebe ich es einfach zu sehr meinen Einkauf selbst zu machen. Allerdings nutze ich solche Portale auch schon mal zum virtuellen Schaufensterbummel. Jedenfalls wenn die Beschreibungen der Artikel gut und die Portale barrierefrei sind.