Wenn der Bus wo anders hält

Wenn der Bus nicht an der vorgeschriebenen Haltestelle hält, hat das für blinde Fahrgäste auch mal unerfreuliche Folgen. Hier erkläre ich warum das so ist, und welche Lösungen es gibt.

Das Beitragsbild zeigt mich neben dem Schild einer Bushaltestelle.

Neu-Isenburg, Bushaltestelle Herzogstraße.
Es ist fast 19:00 Uhr, als ich dort ankomme. Außerdem regnet es. Zwei Gründe, warum hier kaum jemand steht. Außerdem verändert der Regen die Akustik so sehr, dass ich die Geräusche anders wahrnehme. Insgesamt ist es sehr laut, da momentan ziemlich zäher Verkehr auf der Straße herrscht. Vermutlich wird mein Bus einige Minuten Verspätung haben.

Ich habe mich neben das Bushaltestellenschild positioniert. Das ist für mich ein markanter Punkt. Damit verbinde ich auch die Hoffnung, dass ich schnell genug an die vordere Tür eines haltenden Busses gelangen kann. Denn die brauche ich, um den Busfahrer nach der Linie zu fragen. Schließlich halten hier vier Linien mit unterschiedlichen Fahrzielen.
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Auch Blinde haben mal schlechte Laune

Wenn übertriebene Fürsorge einen blinden Menschen in Gefahr bringt.

Es ist Sonntag und später Nachmittag. Am Abend findet eine Familienfeier statt, für die ich mich noch fertig machen muss. Am Nachmittag hatte ich ein Treffen in Friedberg, die SBahn habe ich nur bekommen, weil sie Verspätung hatte, und ohnehin bin ich eine Stunde später als ursprünglich geplant zuhause. Kurz, ich bin voll im Stress. Und weil im Linienbus mal wieder die Ansage der Haltestellen abgeschaltet war, bin ich auch noch zu weit gefahren. Gut, dass mir der weg vertraut ist.

Ich gehe sehr zügig meinen Weg. Plötzlich taucht in meinem eingeschränkten Blickfeld ein Mensch auf, der langsamer unterwegs ist als ich. Ich versuche zu überholen, geht aber nicht, da dieser Mensch in dieselbe Richtung ausweicht wie ich. Meine Bitte mir Platz zu machen wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert. Aber ich will jetzt hier vorbei! Also weiche ich auf den Fahrradweg aus. Plötzlich werde ich von einem Arm aufgehalten, der sich mir ausgebreitet in den Weg legt. Und das in Brusthöhe. Das tut ganz schön weh. Geht’s noch? Fast hätte ich mich auf die Nase gelegt. Und als ob das nicht ausreicht kommt die weibliche Stimme aus dem Hintergrund und mault mich an: „Machen Sie langsam, sie sehen doch nix“. Dabei krallt sich eine zweite Hand in meine Jacke.

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Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 2 – außerhalb der Wohnung

Als blinde Mutter mit zwei Kindern unterwegs im Straßenverkehr. So habe ich es für mich gelöst.

Bereits während meiner ersten Schwangerschaft bekam ich oft zu hören, dass ich ohne sehende Hilfe nicht zurechtkommen würde. Jedenfalls nicht, sobald das Baby sich beginnen würde zu bewegen. Allein die Vorstellung mein Baby oder später mein Kind irgendwo zu verlieren wurde mir so oft in den buntesten Farben ausgemalt, dass ich dem Abenteuer Baby doch mit gemischten Gefühlen entgegenzusehen begann. Irgendwann sprach ich das Thema bei meiner Gynäkologin an. Diese erklärte mir, dass ich nicht die erste blinde Patientin sei, die sie betreute. Sie machte mir Mut und riet mir das Thema des Kindverlierens erst mal weit weg zu schieben, da vorher noch einige andere Stationen auf meinem Weg liegen.

Eine weitere Verbündete fand ich in meiner nachsorgenden Hebamme, die mir ebenfalls Mut machte. Sie hatte zwar noch keine Erfahrungen mit Blinden gemacht, traute sich aber zu mit mir gemeinsam Lösungen für anstehende Aufgaben zu finden. Sie stellte auch den Kontakt zu einer anderen Mutter her, die zwei Monate vor mir entbunden hatte. Diese Mutter war normal sehend. In dieser Familie fühlte ich mich lange Zeit sehr wohl, da niemand Vorbehalte gegenüber einer blinden Mutter hatte. Hier lernte ich auch das Tragetuch kennen. Es ermöglichte mir mein Baby direkt am Körper zu tragen. Also mehr Bewegungsfreiheit. Ich wusste sofort, das wollte ich unbedingt haben.

Ich sprach meine Hebamme darauf an. Und sie besorgte mir eines. Ich weiß noch, dass wir uns in einem Kaffee trafen, wo sie mir unter den Augen der anderen Gäste zeigte wie man dieses 360 cm lange Tuch band. Sie wollte in einem Geschäft in der Nähe fragen ob wir uns einen Teddybären oder so ausleihen könnten, damit ich mir vorstellen konnte wie sich das anfühlte. Eine Mutter, die uns zugesehen hatte, war davon so beeindruckt, dass sie uns spontan ihr Neugeborenes zur Verfügung stellte.

Während der ersten 10 Monate blieb das Tragetuch mein ständiger Begleiter für draußen. Später kam noch ein Kinderwagen hinzu, der einen schwenkbaren Bügel hatte. Ich hatte ihn nach langer Suche in einem Second Hand Laden gefunden. Diesen konnte ich ohne viel Kraftaufwand hinter mir herziehen. Das Baby saß mit dem Gesicht zur Fahrtrichtung, und die flexiblen Räder waren vorne, so dass der Wagen auf jede Richtungsänderung reagierte. Kinderwagen in der linken Hand, den Blindenstock rechts bewegte ich mich also durch die Gegend. Als Alternative zum Tragetuch war das richtig gut. Denn als ich versuchte meine Tochter auf dem Rücken zu tragen, entdeckte sie, dass man ja an Mamas langen Haaren ziehen konnte. Und ich konnte das nicht abstellen.

Solange das Baby klein ist, bleibt es da liegen wo man es abgelegt hat. Und sobald es beginnt zu krabbeln, legt es noch lange keine großen Entfernungen zurück. Und da ein Kind immer irgendein Geräusch verursacht, wusste ich stets wo mein Baby war. Jedenfalls in den eigenen vier Wänden. Und da war alles sicher. Jedenfalls in dem Teil der Wohnung, in welchem sich mein Kind frei bewegen durfte. Hellhörig sollte man nur dann werden, wenn das Kind kein Geräusch verursacht. (-:

Meine Tochter war etwa anderthalb Jahre alt, als ich mich mit ihr ohne Kinderwagen auf der Strasse bewegte. Das lag auch ein bisschen daran, dass das Wetter vorher ein bisschen ungemütlich war. Es gibt blinde Eltern, die ihren Kindern ein kleines Glöckchen an die Kleidung anbringen, um zu hören wo sich der Nachwuchs befindet. Ich habe das nie gemacht. Meine Kinder haben früh gelernt, das Laufen auf der Strasse bedeutete, dass sie an meiner Hand liefen. Das blieb so, bis ich mir sicher war, dass sie nicht wegliefen, oder auf die Strasse gingen. Wir übten das auf Strassen, die kaum befahren waren. Wenn ein Kind sich nicht an die Regel hielt, dass es an der Straßenecke stehen blieb, musste es wieder an der Hand gehen. Gleiches galt, wenn ich eines der Kinder rief, und es sich nicht meldete. Alleine laufen dürfen war sozusagen ein Vertrauensbeweis.

2003 wurde unser Einkaufszentrum umgebaut. Es gab eine Eröffnungsfeier, die mein Mann und ich gemeinsam mit unserer dreijährigen Tochter besuchten. Irgendwann war das Kind in dem Gewusel verschwunden. Ich glaube, in den folgenden Minuten spielten sich sämtliche Horrorszenarien in meinem Kopf ab. Zumal ich nicht einfach so loslaufen und mein Kind suchen konnte. Und bei der Geräuschkulisse schon gar nicht. Die Erlösung kam, als jemand unser Kind auf die Bühne stellte und sagte, dass dieses Mädchen drei Jahre alt sei und mit ihrem Papa hier wäre. Wie ich später hörte hatte sie sagen können wer sie war, wie alt und mit wem sie gekommen war. Für mich hatte es die beruhigende Erkenntnis gebracht, dass sie auch in ‚Stresssituationen in der Lage war Angaben zu ihrer Person zu machen.

Meine Kinder waren vier und sechs Jahre alt, als wir begannen Ausflüge ohne Begleitung zu machen. Bus, Bahn, usw. zählte nicht. Das war von Anfang an Programm. Aber jetzt kam es darauf an sich in fremder Umgebung zu orientieren und die Kinder bei Bedarf auch wieder einzusammeln. Das kostete mich große Überwindung. Daher suchte ich mir Ziele aus, die relativ überschaubar waren. Manchmal sprach ich andere Eltern an, wenn ich mir etwas unsicher war. Zur Sicherheit hatte ich ein aktuelles Foto meiner Kinder dabei, falls ich sie suchen lassen müsste. Meist suchten wir gemeinsam einen Platz aus, an dem ich blieb, während die Kinder spielen gingen. Mir war es wichtig, dass sie sich von Zeit zu Zeit bei mir meldeten. Und das klappte mit jedem Ausflug immer besser. Mir gab die Sicherheit.

Es gab einige wenige Dinge, die ich nicht ohne sehende Begleitung machen wollte. Und dazu gehörte das Schwimmbad. Als ich zum ersten Mal mit meiner Tochter alleine ins Freibad ging, entdeckte sie sofort einen Schulfreund und dessen Familie. Für mich war das eine große Erleichterung. Erst recht als die Mutter mir anbot meine Tochter mitzunehmen, wenn sie mit ihrem Sohn schwimmen ging. Da Wasser nicht mein Element ist, tat es gut, dass mir das jemand abnahm. Denn ich traute mir die Beaufsichtigung selbst nicht zu. Zum Glück brauchte ich niemanden dafür zu bezahlen, der uns ins Schwimmbad begleitete. Denn in meinem Umfeld gab es einige Eltern, die mir hier aushalfen. Jedenfalls solange, bis ich sicherer wurde. Meine Kinder durften erst alleine ins Schwimmbad, nachdem sie ihr Schwimmabzeichen gemacht hatten. Ich ging zwar meist mit, brauchte jedoch keine sehende Begleitung mehr.

Ein weiteres Thema waren Kindergartenfeste und Schulveranstaltungen im Freien. So viele Kinder, Eltern, usw. wuseln lautstark durch ein Gelände, welches mir nicht zu 100 % vertraut war. Da eines meiner Kinder wiederzufinden empfand ich als chancenlos. Ebenso wenig fand ich andere Eltern, die mir bekannt waren. Wenn diese mich nicht ansprachen, saß ich alleine herum. Ich löste das so, dass ich mich entweder gezielt mit anderen Eltern verabredete, oder indem ich eine bezahlte Assistenz mitnahm. Das schonte meine Nerven und gab mir ein Gefühl der Gleichwertigkeit anderen Eltern gegenüber.

Je älter meine Kinder wurden, desto mehr konnten wir ohne fremde Hilfe unternehmen. Waren wir auf einem Abenteuerspielplatz, auf der Kirmes oder in einem Indoorspielplatz, so suchten wir uns einen Platz aus, an welchem ich blieb. Wir vereinbarten dann wann sich einer der Kinder spätestens bei mir melden sollte. Gegen aufkommende Langeweile hatte ich stets eine Handarbeit oder ein Hörbuch dabei. Und je besser das klappte, desto weiter weg konnten wir fahren.

Tagesausflüge oder kleine Urlaubsreisen bereiteten wir gemeinsam vor. D.h. besprechen was mitgenommen werden sollte, Rucksack oder Koffer packen usw. Auch besprach ich mit beiden Kindern das Verhalten, falls wir uns verlieren. Den Kindern vermittelte es einen Teil an Selbständigkeit und Verantwortung, und mich beruhigte es. Das gilt bis heute. Sie haben beide eine super Orientierung im öffentlichen Nahverkehr. Und wenn sie eine Information nicht direkt wissen, so haben sie zumindest eine Idee für die Informationsbeschaffung.

Weißt du wer ich bin?

Wie gut können blinde Menschen jemanden an der Stimme erkennen? Wie grüße ich eine blinde Person auf der Straße, und wie vermeide ich unangenehme Situationen?

Ich habe einen ganz geringen Sehrest, der mich grobe Umrisse erkennen lässt, jedoch keine Details. Ich kann also sehen wenn jemand vor mir steht, und ob dieser Mensch größer oder kleiner ist als ich. Nicht aber ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt. Jedenfalls nicht solange dieser Mensch nicht spricht. Bei für mich guten Lichtverhältnissen kann ich sehen ob jemand hell oder dunkel gekleidet ist. Gesichter habe ich noch nie sehen können. Farben auch nicht, sondern Grautöne.

Ich habe gelernt mein Restsehen gut einzusetzen, so dass ich mich draußen grob damit orientieren kann. Bürgersteige und Hindernisse fühle ich mit dem Blindenlangstock. Ansonsten setze ich meinen Hörsinn ein, um beispielsweise zu hören wer so alles an mir vorbei läuft, ob eine Strasse stark befahren ist und so weiter. Bestimmte Geschäfte wie Apotheken oder Drogerien kann ich riechen.

Ich erlebe es immer wieder, dass mich Menschen ansprechen, denen ich nur selten begegnet bin. Passiert das durch ein einfaches „Hallo“ oder so, fühle ich mich erst mal nicht angesprochen. Es könnte ja auch ebenso gut jemand anderes sein, den die Person sieht und grüßen möchte. Ich habe es am liebsten, wenn man mir signalisiert, dass auch ich tatsächlich gemeint bin. Wer meinen Namen kennt, der darf ihn ruhig benutzen. Dafür habe ich ihn schließlich. Und ich weiß, dass ich tatsächlich gemeint bin. Alles andere verursacht Stress oder Missverständnisse. Stellt Euch vor, Ihr sprecht mit jemanden, den ich nicht gehört habe. Und ich antworte etwas unpassendes darauf, weil ich denke, ich sei gemeint. Wenn Euch das nichts ausmacht, dann ist es gut. Aber mir sind solche Situationen sehr unangenehm.

Am liebsten habe ich es, wenn man sich kurz zu erkennen gibt. Eine Begrüßung könnte beispielsweise lauten: „Hallo Lydia, ich bin es, Lieschen Müller“. Oder auch „Hi Lydia, ich bin Frau Schmidt aus der Apotheke“. Man darf sich auch zu erkennen geben und zugeben, das man meinen Namen gerade nicht weiß.

Was ich überhaupt nicht mag sind Ratespiele. Eine Nachbarin meiner Eltern findet es seit beinahe 30 Jahren noch immer großartig mich anzustupsen und mich raten zu lassen wer sie denn sei. Anfangs erkannte ich sie nicht gleich. Und dann ließ sie mich nicht vorbei. Für sie war es wohl ein Spaß. Sie wollte austesten ob ich sie trotz Blindheit an der Stimme erkenne. Für mich war das damals Stress pur. Schließlich wäre es peinlich gewesen die Nachbarin der eigenen Eltern nicht zu erkennen. Irgendwann habe ich mir ihre Stimme und ihren Geruch nach Zigaretten regelrecht eingeprägt.

Es ist richtig, dass ich stärker auf mein Gehör achte als der durchschnittliche normal sehende. Das heißt aber nicht, dass ich jeden an der Stimme erkennen kann, der mir irgendwann einmal über den Weg gelaufen ist. Das wäre genauso wie wenn ich behaupte: Jeder normal sehende kann jeden Menschen, den er mal gesehen hat, am Gesicht wiedererkennen. Natürlich gibt es Leute mit einem sog. Fotografischen Gedächtnis. Und es gibt auch blinde, die ein super tolles Gedächtnis für Stimmen haben. Ich habe es nicht.

Also, Eine Stimme, Die ich oft höre, erkenne ich auch sofort wieder. Eine Stimme, die ich nicht ganz so oft höre eben nicht gleich. Und dann ist es auch abhängig von der Geräuschumgebung. Es macht einen großen Unterschied ob ich die Stimme in einem geschlossenen Raum oder auf einer stark befahrenen Strasse höre. Und erst recht wenn ich dabei bin mich auf das Überqueren einer Strasse oder einen ankommenden Bus zu konzentrieren.

Also, macht mir doch einfach die Freude eines entspannenden Gesprächsbeginn. Für ein Ratespiel können wir uns gern später verabreden. Dann aber unter gleichen Bedingungen für alle beteiligten.